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Tolerant statt ignorant

Tolerant statt ignorant

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Eingangsbereich

In dieser Ausstellung findest du vielfältige Informationen und Materialien. In vier Räumen erhältst du Einblicke in das Judentum, in Formen und Folgen von Antisemitismus und in das jüdische Leben in Hessen. Du kannst entscheiden, welchen Raum du betrittst und welche Objekte du dir genauer anschauen möchtest. Durch Scrollen und Wischen kannst du die einzelnen Inhalte anschauen. Auf vielen Bildern siehst du helle Kreise, hier kannst du weitere Informationen zu den Bildern und Inhalten einsehen.

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Über den Raum

„Antisemitismus ist nicht an die Anwesenheit von Jüdinnen und Juden gebunden und hat nichts damit zu tun, wie sie sind oder was sie tun.“ - Soziologin Julia Bernstein.

Noch immer stellt Antisemitismus eine Bedrohung für unsere Gesellschaft dar. Antisemitismus unterscheidet sich von anderen Formen der Diskriminierung dadurch, dass er mehr als Vorurteile und Stereotype, sondern eine grundlegende Haltung zur Welt und eine bestimmte Weltanschauung darstellt. Antisemitismus richtet sich gegen Personen und Gruppen, die als „jüdisch“ wahrgenommen und denen zumeist negative Eigenschaften zugeschrieben werden, gegen religiöse Einrichtungen und jüdische Gemeinden. Er äußert sich in Hass, Anfeindungen, Benachteiligung, aber auch direkter Gewalt.

Antisemitische Stereotype und Feindbilder sind langlebig und werden wieder und wieder recycelt. Über Jahrhunderte haben sich Judenfeindschaft und die Beweggründe dahinter stets gewandelt. In der Antike und im Mittelalter wurde die Judenfeindschaft noch religiös begründet (mehr dazu hier). Es entstanden allerlei Legenden und Mythen mit dem Ziel, das Judentum vom Christentum abzugrenzen. Juden hätten etwa angeblich die Brunnen vergiftet und damit die Pest verursacht. Im 19. Jahrhundert entwickelte sich der moderne Antisemitismus und eine neue Legende entstand: die „jüdische Weltverschwörung“, die nach der Herrschaft und Unterdrückung der Nichtjuden streben würde (mehr dazu hier). Bis heute spielt die Behauptung, Jüdinnen und Juden hätten eine angebliche Übermacht in der Politik und Wirtschaft, eine zentrale Rolle in einer antisemitischen Weltanschauung. Eine weitere Form der Judenfeindschaft, der Antizionismus, richtet sich gegen die Existenz des jüdischen Staates. Antizionismus richtet sich nicht gegen Jüdinnen und Juden als einzelne Personen, sondern gegen den Staat Israel. Das erlaubt seinen Anhängern, Antisemitismus weit von sich zu weisen.

Antisemitismus äußert sich im Alltag auf vielfältige Weise. Seien es Drohungen und Hasskommentare im Internet, die Verbreitung von antisemitischen Bildern in Musik und Medien oder tatsächliche Gewalt. Antisemitismus ist keine auschließlich rechte Randerscheinung. In der breiten Gesellschaft trifft man auf antisemitische Einstellungen und Aussagen, etwa in Form angeblicher Kritik an Israel oder der Verharmlosung des Holocaust. Welche Erfahrungen machen Jüdinnen und Juden in Deutschland? Welche Bedeutung spielt Antisemitismus in ihrem eigenen Alltag?
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Antisemitische Vorfälle der letzten Jahre

„Für Juden in Deutschland ist Antisemitismus alltäglich geworden. Vor allem im Internet schlägt uns ungehemmter Hass entgegen.“ – Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland („Antisemitismus ist Alltag geworden“, Artikel der „Jüdischen Allgemeine“, 27. Mai 2020)  

In der jährlichen Polizeistatistik werden viele gegen hier beheimatete Juden und jüdische Einrichtungen gerichtete Straftaten als „politisch motiviert“ oder als „Protest gegen die Politik Israels“ erfasst. In den letzten Jahren nehmen verbale Angriffe auf Jüdinnen und Juden wie Drohmails, Sachbeschädigung und Angriffe auf offener Straße zu. Die Anzahl der gemeldeten Vorfälle steigt – viele werden aber nicht angezeigt. Die Gründe sind vielfältig. Nach einer Studie der EU zu „Diskriminierung und Hasskriminalität gegenüber Jüdinnen und Juden“ (2019) gaben 39 Prozent der Befragten an, in den letzten fünf Jahren Opfer von antisemitischer Belästigung gewesen zu sein. Die Mehrheit, fast 80 Prozent, meldete die Vorfälle nicht bei der Polizei. Nahezu die Hälfte meldete die Vorfälle nicht, da sie das Gefühl hatte, dass sich dadurch nichts ändern würde, oder sie den jeweiligen Vorfall für nicht ausreichend schwerwiegend sah. Antisemitismus ist allgegenwärtig, etwa in Raptexten, die den Holocaust verharmlosen, Beleidigungen sowie Bedrohungen im Alltag oder auch dann, wenn auf Demonstrationen antisemitische Parolen gerufen werden.
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Die Statistik bildet antisemitische Straftaten ab, die aus einer politischen Motivation heraus begangen werden. Diese sind im Vergleich zum Vorjahr um 13 Prozent gestiegen. Die Statistik erfasst jedoch bloß Straftaten, die zur Anzeige gebracht und strafrechtlich verfolgt wurden. Die Dunkelziffer von antisemitischen Vorfällen dürfte hoch sein.

Der hohe Anteil der Straftaten, die rechts motiviert sind, kommt unter anderem zustande, da hier alle fremdenfeindlichen und antisemitischen Straftaten erfasst werden, die einen Bezug zum Nationalsozialismus erkennen lassen, etwa die Nutzung von NS-Symbolen.  

Ab 2017 wird in der Statistik zwischen politisch motivierter Kriminalität mit „ausländischer“ und „religiöser Ideologie“ unterschieden. Der „ausländischen Ideologie“ werden alle Straftaten zugeordnet, bei denen davon auszugehen ist, dass eine aus dem Ausland stammende nichtreligiöse Weltanschauung der Tat zugrunde liegt – unabhängig von einer Staatsangehörigkeit.
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Antisemitismus wird in der Gesellschaft als eine steigende Bedrohung angesehen. Doch wie verbreitet sind antisemitisches Gedankengut und antisemitische Einstellungen in der Gesellschaft? In einer Umfrage des Jüdischen Weltkongresses (August 2019) bestätigten knapp 80 Prozent die Aussage, dass Juden genau so seien wie alle anderen Menschen, aber 25 bis 40 Prozent stimmte auch antisemitischen Aussagen zu.

Denkanstoß: Die Mehrheit der Befragten stimmen der Aussage zu, dass Juden genau so seien wie alle anderen. Doch zeitgleich bejahen bis zu 40 Prozent der Befragten antisemitische Aussagen, Vorurteile und Stereotype. Wie passt das zusammen und wie kann es zu diesen widersprüchlichen Ergebnissen kommen?
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In einem Bericht (2018) spricht die Autorin und Bloggerin Juna Grossmann über Antisemitismus im eigenen Alltag und wie sich dieser im Leben von Jüdinnen und Juden in Deutschland äußert. Und auch der Restaurantbesitzer Yorai Feinberg spricht über seine eigenen Erfahrungen.
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"Jüdisches Leben in Berlin: Der tägliche Antisemitismus", hochgeladen am 13. November 2018 von "Tagesspiegel"

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Am 9. Oktober 2019, am höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur, verübte ein Rechtsextremist in Halle einen Terroranschlag auf die Synagoge. Er versuchte, in das Gebäude einzudringen, um sämtliche versammelten Menschen zu ermorden. Der versuchte Massenmord scheiterte nur, da es ihm nicht gelang, in die Synagoge einzudringen. Er erschoss eine Passantin vor dem Gebäude und auf seiner Flucht einen weiteren Menschen. Vor seiner Tat veröffentlichte der Täter sämtliche Informationen zum geplanten Anschlag im Internet und übertrug seine Tat per Livestream.  

Der Anschlag erschütterte die gesamte Gesellschaft und rückte die Bedrohung von Antisemitismus erneut in den Fokus der Öffentlichkeit. Wie nahmen Jüdinnen und Juden den Anschlag und die darauffolgende Aufmerksamkeit wahr?
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„Zu Jom Kippur schalten Jüd*innen ihr Handy aus und nutzen keine Elektrizität. Das habe ich gestern auch getan. Im Laufe des Gebets hat mich eine Bekannte nach dem Attentat gefragt, aber erst am Abend nach Jom Kippur habe ich mehr dazu erfahren. Ich finde es falsch, diese Tat als eine Einzeltat oder Überraschung darzustellen, denn der Antisemitismus ist in den vergangenen Jahren gewachsen, es gab schon viele rechtsradikale Anschläge und viele Attentäter*innen. […] Es reicht nicht zu sagen: ‚Wir sind bestürzt.‘ Mit tatenlosen Solidaritätsbekundungen kann ich mittlerweile wenig anfangen.

Ich bin damit aufgewachsen, dass jüdische Institutionen selbstverständlich bewacht werden, dass vor jeder jüdischen Institution, ob Kindergarten oder Synagoge, Sicherheitspersonal steht. […] Das Wichtigste ist, dass wir keine Angst haben. Angst macht fahrlässig, aber wir müssen achtsam sein. Ich will mich nicht wegekeln lassen aus meinem Heimatland. Gleichzeitig kann ich verstehen, wenn jüdische Menschen sich unsicher fühlen und enttäuscht sind. Für mich ist Wegziehen keine Lösung. Auch wenn an einem Tag wie heute die Rede nur von dieser Tat ist, bewegt uns mehr als Antisemitismus.“
„Junge Jüdinnen nach Anschlag in Halle: ‚Ich will mich nicht wegekeln lassen aus meinem Land‘“, Artikel vom 10. Oktober 2019 von ze.tt
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Über den Raum

Juden siedelten sich ab dem 1. Jahrhundert im gesamten Römischen Reich an. Eine erste urkundliche Erwähnung findet sich aus dem Jahr 321 für Köln. Entlang des Rheins und Mains entstanden erste Gemeinden im Lauf des 10. und 11 Jahrhunderts. Da Juden der Zugang zu den Handwerkszünften verboten war, ebenso der Erwerb landwirtschaftlicher Flächen, konzentrierte sich ihre Ansiedlung auf größere Handelsstädte. Bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts lebten daher nur wenige jüdische Familien in der Provinz.

Bis zur bürgerlichen Gleichstellung lebten Jüdinnen und Juden in den Städten in geschlossenen Siedlungen. In Frankfurt wurde zum Beispiel 1462 die Judengasse errichtet. Hier lebten Jüdinnen und Juden bis 1796. Nach deren Auflösung im frühen 19. Jahrhundert siedelten sie sich im ganzen Stadtgebiet an, die Ärmeren zogen in das benachbarte Ostend. Die berühmte Rindswurst von Gref-Völsing ist übrigens eine Kreation für die jüdische Kundschaft gewesen.

Es bildeten sich nun auch größere Gemeinden in Hessen. Juden unterstützten soziale Stiftungen, Bildungseinrichtungen und die Kultur. So entstanden zum Bespiel in Frankfurt durch das Engagement jüdischer Bürger die Universität, der Palmengarten, der Hauptbahnhof, die Alte Oper, das Clementinen-Kinderkrankenhaus und die Frankfurter Allgemeine Zeitung wurde gegründet. Die jüdischen Inhaber der Schuhfabrik Schneider waren die alleinigen Sponsoren der Eintracht Frankfurt bis zur Machtergreifung der Nationalsozialisten. 1933 zählte die jüdische Gemeinde circa 30.000 Mitglieder, rund sieben Prozent der Bevölkerung Frankfurts. Damit war sie prozentual die größte Gemeinde in Deutschland. Als die amerikanische Armee 1945 Frankfurt befreite, lebten nur noch etwa 100 Juden in der Stadt.
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Über den Raum

Nach heutigen Angaben leben weltweit über 14,5 Millionen Jüdinnen und Juden. Das Judentum gehört zu den fünf großen Weltreligionen. Doch nicht jede Jüdin und jeder Jude ist in einer Gemeinde organisiert oder lebt streng religiös. „Jüdisch zu sein“, bedeutet mehr, als bloß der jüdischen Religion anzugehören. Das Judentum zeichnet sich durch eine große Vielfalt aus und historische Entwicklungen prägen bis heute die verschiedenen Strömungen und das Selbstverständnis von Jüdinnen und Juden.

Die religiösen Grundlagen und Gebote, Traditionen und Bräuche spielen im Alltag und der Lebenswelt von Jüdinnen und Juden eine unterschiedliche Rolle. Die Auseinandersetzung mit einem gerechten Miteinander sowie der sich umgebenden Welt und Natur sind dagegen oftmals fest im Leben verankert. Woraus bestehen die zentralen Inhalte des Judentums?

Der folgende Raum verschafft dir einen Überblick über die Verbreitung des Judentums, dessen religiöse Grundlagen sowie einen Einblick in moralische, ethische Fragen, mit denen sich das Judentum beschäftigt. Wodurch zeichnet es sich aus, „jüdisch“ zu sein? Welche religiösen Aspekte liegen dem Judentum zugrunde und welche Rolle spielt das im Alltag und in der allgemeinen Lebensplanung?
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Jüdisch sein ist mehr als nur das Ausleben einer religiösen Praxis und das Festhalten an religiösen Geboten. Auf die Frage: "Was bedeutet jüdisch?" gibt es vielseitige Antworten. Sieht man sich als Religionsgemeinschaft oder doch eher als eine Kulturgemeinschaft an? Geht es um die Werte, die man teilt oder eine gemeinsame Herkunft?

Gemeinschaftliche Erfahrungen, Kultur, Orte und Erlebnisse spielen im jüdischen Leben eine große Rolle. Sie sind für viele Jüdinnen und Juden zentrale Anknüpfungspunkte, wenn die Frage gestellt wird: "Was ist jüdisch?"

In der Reportage "Jung. Jüdisch. Deutsch. - Was heißt das eigentlich?" besucht ein Reporter jüdische Jugendliche und tauscht sich darüber aus, was es für sie individuell bedeutet jüdisch zu sein.
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"Jung. Jüdisch. Deutsch. - Was heißt das eigentlich?", hochgeladen am 29. November 2017 von "reporter"

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Ausstellungsraum 3

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Erfahrungen junger Jüdinnen und Juden

Durch das Internet hat die Verbreitung antisemitischer Hetze stark zugenommen. Die offenen verbalen und körperlichen Attacken kommen aus allen politischen Lagern. Viele Eltern raten ihren Kindern deshalb davon ab, zum Beispiel in der Öffentlichkeit die Kippa zu tragen. „Jude“ ist wieder ein Schimpfwort auf deutschen Schulhöfen geworden und Kinder und Jugendliche, ob jüdisch oder nicht, die im jüdischen Sportverein Makkabi Frankfurt trainieren, müssen sich nach Spielen von gegnerischen Mannschaften als „Scheißjuden“ beschimpfen lassen. Jüdische Jugendliche müssen sich ständig zum Thema Nahostkonflikt und der Politik Israels äußern, obwohl sie deutsche Staatsbürger sind. So wird gezielt ein Gefühl des Nichtdazugehörens von den Täterinnen und Tätern erzeugt.
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Antisemitismus tritt im Alltag in vielen verschiedenen Formen auf. Ob es sich um Diskriminierungen und Beleidigungen auf offener Straße handelt oder auf dem Schulhof und in den sozialen Medien, Antisemitismus betrifft sämtliche Lebensbereiche.

Fünf junge Jüdinnen und Juden sprechen darüber, was es für sie persönlich bedeutet, Jude in Deutschland zu sein. Sie berichten über Anfeindungen und Vorurteile.
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"So fühlen sich junge Juden in Deutschland", hochgeladen am 14. Juni 2018 von "Deutschland3000"

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Immer wieder hört man, dass „Jude“ besonders an Schulhöfen als Schimpfwort genutzt wird. In einer Straßenumfrage spricht die Amadeu Antonio Stiftung mit Jugendlichen über „Jude“ als Schimpfwort. (Amadeu Antonio Stiftung, hochgeladen am 12. Februar 2020)  

Denkanstoß: Ist dir „Jude“ schon einmal als Beleidigung begegnet? Wie hast du darauf reagiert und wie sollte man darauf reagieren?
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"Straßenumfrage: "Du Jude" als Beleidigung?", hochgeladen am 12. februar 2020 von "Amadeu Antonio Stiftung"

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Ein Reporter besucht eine junge Jüdin an ihrer Schule. An der Lichtigfeldschule in Frankfurt sind nicht nur jüdische Schülerinnen und Schüler. Etwa ein Drittel sind christlich, muslimisch oder auch nicht gläubig. Sie und die Lehrer erzählen von ihrer Sorge und der Angst vor dem stetig wachsenden Hass gegenüber Jüdinnen und Juden.
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"Besuch in einer jüdischen Schule", hochgeladen am 18. April 2016 von "ARD-Morgenmagazin"

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Die Spieler des jüdischen Frankfurter Vereins Makkabi sind immer wieder antisemitischen Beleidigungen ausgesetzt. Einige Spiele müssen gar mit einem eigenen Sicherheitsdienst stattfinden. Die Spieler des Fußballvereins berichten über die Anfeindungen und Bedrohungen, denen sie tagtäglich ausgesetzt sind.
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"Antisemitismus im Fußball - die Angst trainiert mit", hochgeladen am 18. Februar 2020 von "SpiegelTV"

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„Der Hass entsteht nicht im Internet, der Hass kommt aus den Köpfen und wird ins Internet getragen.“ – Monika Schwarz-Friesel, Kognitionsforscherin, die Antisemitismus im Internet untersucht.  

Besonders im Internet und in sozialen Medien finden sich vermehrt Kommentare und Postings, die sich gegen Juden richten und antisemitistische Einstellungen offen verbreiten. Jeden Tag werden Tausende judenfeindliche Inhalte gepostet, geteilt und geliked. Hasskommentare findet man immer mehr in den Kommentarspalten und hetzerische Inhalte verbreiten sich sehr schnell in den sozialen Medien.   Der deutsch-israelische Satiriker Shahak Shapira hat über mehrere Monate Hunderte Hasstweets und Facebook-Kommentare gemeldet. Twitter löschte den Großteil der gemeldeten Tweets nicht, die offen Antisemitismus und rassistische Parolen enthielten. Er beschloss, diese vor die Büroräume der deutschen Twitter-Niederlassung in Hamburg auf den Boden zu sprayen. In seinem Video beschreibt er, mit welchem Hass tagtäglich im Internet zu rechnen ist. 

Denkanstoß: Welche Verantwortung haben die Betreiber von sozialen Plattformen wie YouTube, Instagram oder Twitter? Sollen sie stärker eingreifen und Kommentare löschen oder sogar zur Anzeige bringen? Oder liegt das nur in der Verantwortung der Nutzer?
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"#HeyTwitter" hochgeladen am 7. August 2017 von "Shahak Shapira"

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Als im April 2018 die Rapper Kollegah und Farid Bang einen Echo für das beste Hip-Hop-Album erhielten, führte dies zu einer Diskussion über Antisemitismus und die Grenzen der Kunstfreiheit. Die Lieder des Albums enthalten neben sexistischen und rassistischen Texten auch einige explizit antisemitische Stellen. Dass die Künstler nun für dieses Album ausgezeichnet werden sollten, sorgte für großes Aufsehen. Wie weit darf die Freiheit von Künstlern gehen und wo hört sie auf? Insbesondere menschenverachtende Zeilen wie „unsere Körper sind definierter als von Auschwitzinsassen“, die gegenüber den Opfern des Holocaust herabwürdigend sind, standen im Mittelpunkt der Diskussion. 
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"Antisemitismus im Rap? Kollegah, Farid Bang", Beitrag von musstewissen Geschichte, hochgeladen am 25. April 2018

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Jüdische Siedlungsgeschichte im Mittelalter

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Die erste Blütezeit jüdischer Gemeinden entlang des Rheins gab es ab dem 10. Jahrhundert (Mainz, Trier, Worms, Speyer, etwas später in Bacharach, Bingen, Boppard). In der Handelsstadt Frankfurt gab es ab dem 12. Jahrhundert eine jüdische Gemeinde, in Wiesbaden finden sich erste urkundliche Belege für das 14. Jahrhundert. Die jüdische Bevölkerung lebte über lange Zeit in den Städten und in den umliegenden Dörfern mit ihren christlichen Nachbarn zusammen. Doch das friedliche Zusammenleben wurde immer wieder gestört. So kam es Ende des 11. Jahrhunderts in Deutschland zu Pogromen gegen die jüdische Bevölkerung, nachdem der Papst zum Kreuzzug aufgerufen hatte. Eine zweite Welle der Verfolgung der jüdischen Bevölkerung gab es, als Mitte des 14. Jahrhunderts in Europa die Pest ausbrach, eine tödliche Krankheit, die sich keiner erklären konnte. Christliche Judenfeinde beschuldigten die jüdische Bevölkerung, die Brunnen vergiftet zu haben. Ab dem 15. Jahrhundert kam es in den Gebieten Deutschlands zu Unterdrückung und Ausgrenzung der jüdischen Bevölkerung.

Denkanstoß: Kennst du die Geschichte der jüdischen Gemeinde in deiner Stadt oder deinem Dorf?
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Judentum weltweit

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Im Jahr 2019 gehören weltweit über 14,5 Millionen Menschen offiziell dem Judentum beziehungsweise jüdischen Gemeinden an. Das Judentum gehört neben dem Christentum, Islam, Buddhismus und Hinduismus zu den fünf großen Weltreligionen. Es entstand etwa 2000 Jahre vor Christus und ist die älteste monotheistische Religion. Aus dem Judentum heraus entstanden das Christentum und der Islam. Die Karte gibt dir einen ersten Überblick über die weltweite Verbreitung der jüdischen Bevölkerung. Du kannst dir die Ansicht der Karte auch vergrößern.

Die hier abgebildeten Angaben umfassen aber nur die offiziellen Mitglieder der jüdischen Gemeinden. Jüdinnen und Juden, die nicht Teil einer Gemeinde sind, können in den Statistiken nicht erfasst werden.
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Wie haben sich die weltweiten Zahlen in Lauf der letzten hundert Jahre entwickelt?
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Es kam im Lauf des 20. Jahrhunderts immer wieder zu Migrations-, aber auch Fluchtbewegungen der jüdischen Bevölkerung. Das Diagramm zeigt dir die jüdische Bevölkerung und deren Entwicklung in ausgewählten Ländern auf.

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In Deutschland gehören nach aktuellen Angaben rund 95.000 Menschen jüdischen Gemeinden an. Die Schätzungen der Gesamtzahl, also auch Jüdinnen und Juden ohne Gemeindezugehörigkeit, belaufen sich auf etwa 225.000.

Bei einer Gesamtbevölkerung von 85 Milionen Menschen in Deutschland, gehören sie einer Minderheit an. Die überwiegende Mehrheit der Menschen in Deutschland ist Mitglied in den christlichen Kirchen. Doch auch die Zahl der Konfessionslosen ist in Deutschland vergleichsweise hoch.
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Hessen ‒ und insbesondere die Metropole Frankfurt am Main ‒ zeichnet sich durch die Geschichte hindurch bis heute durch die Vielfalt an Menschen aus, die hier leben und arbeiten. Gilt dies auch für das Verhältnis der verschiedenen Konfessionszugehörigkeiten in Hessen?

Denkanstoß: Was bedeutet es, christlich, muslimisch oder jüdisch zu sein? Welche Rolle spielt Religion für dich und deine Familie in deinem und euren Alltag?
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Wie reagiert man auf Antisemitismus

Jüdische Schulen werden in Großstädten, wo die Gemeinden groß genug sind, ausgebaut bis zum Abitur, um die Kinder in einem geschützten Raum aufwachsen zu lassen. Seit den linksterroristischen „antizionistischen“ Attentaten in den 1970er-Jahren auf das jüdische Gemeindezentrum in Berlin während einer Gedenkstunde an die Pogromnacht und dem Brandanschlag auf ein jüdisches Altenheim in München, bei dem sieben Menschen starben, stehen jüdische Einrichtungen in Deutschland unter Polizeischutz. Trotzdem gibt allein die jüdische Gemeinde in Frankfurt 1,3 Millionen Euro für private Sicherheitsdienste aus, die Polizei sichert nur den öffentlichen Raum davor. Jüdische Kinder wachsen dadurch mit dem ständigen Gefühl einer Bedrohung auf. Vom Tragen eindeutiger jüdischer Kennzeichen, etwa dem Tragen einer Kippa oder Schmuck mit jüdischen Symbolen, in der Öffentlichkeit wird seit einigen Jahren auch von Gemeindevorstehern abgeraten. Etwa ein Drittel der Juden Europas denkt infolge des zunehmenden Antisemitismus von rechts, links und muslimischer Seite über eine Auswanderung nach.
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Das Projekt „Meet a Jew“ vom Zentralrat der Juden in Deutschland setzt sich deutschlandweit für den Austausch zwischen jüdischen und nichtjüdischen Menschen ein. Durch den Dialog sollten jungen Menschen das Judentum und das jüdische Leben nähergebracht werden. So sollen verfestigte Bilder von Jüdinnen und Juden aufgebrochen und Vorurteile abgebaut werden.
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"Meet a Jew - warum wir uns engagieren", hochgeladen am 26. Februar 2020 vonn Meet a Jew

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Sich gegen Antisemitismus auszusprechen und einzusetzen, bedeutet,  demokratischen Werte zu verteidigen. Antisemitismus betrifft nicht nur Jüdinnen und Juden, sondern zeigt auf, dass nicht alle Menschen jedem dieselben Rechte zusprechen und alle gleichbehandeln. Sie stellen sich damit gegen die im Grundgesetz festgeschriebenen Rechte. Antisemitismus greift die Grundlage unserer Demokratie an.

Sollte dir Antisemitismus begegnen oder du bist selbst Opfer geworden, kannst du dir Hilfe suchen. Was du tun kannst und wo du dir Hilfe suchen kannst:

www.report-antisemitism.de: Meldeportal des Bundesverbands der Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus e. V.

www.response-hessen.de: Beratungsstelle für Betroffene rechter Gewalt in Hessen.

www.rote-linie.de: „Rote Linie – Hilfen zum Ausstieg vor dem Einstieg“ bietet Hilfestellung für potenziell gefährdete Jugendliche, die drohen in den organisierten Rechtsextremismus abzudriften. Zudem bietet sie Hilfe bei Hassrede und Mobbing im Internet.

www.hassmelden.de: Auf der Plattform Meldestelle für Hatespeech „Hassmelden“ kannst du Hasskommentare, rassistische Übergriffe, Beleidigungen oder Drohungen aus dem Internet melden.

www.ofek-beratung.de/hessen: „OFEK e. V. – Beratungsstelle bei antisemitischer Gewalt und Diskriminierung“ bietet lokale Unterstützungsangebote in Hessen für Einzelpersonen, Familien und Angehörige sowie Zeuginnen und Zeugen bei antisemitischer Gewalt an.

www.hessengegenhetze.de
Meldestelle für Hetze und Hass im Internet. Du kannst den Vorfall auch anonym und online melden.

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Ausstellungsraum 4

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Jüdische Migrationsbewegung nach 1945 und 1989/90

Nach dem Zweiten Weltkrieg 1945 richteten die westlichen Alliierten in ihren Besatzungszonen Camps für sogenannte Displaced-Persons ein, hier lebten nach der Befreiung der Konzentrationslager die Überlebenden des europaweiten Vernichtungskrieges des NS-Regimes. Nach 1945 haben sich nur wenige Gemeinden neu gebildet. Außer in Frankfurt gründeten sich vor allem in größeren Städten wie Offenbach, Bad Nauheim, Wiesbaden und Darmstadt größere jüdische Gemeinden. Überwiegend polnische Überlebende gründeten 1947 in Frankfurt wieder eine Gemeinde mit etwa 800 Mitgliedern. In den Fünfzigerjahren kamen Juden aus Rumänien und Ungarn hinzu und Emigranten, die vor den Nationalsozialisten geflohen waren. Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks und der Wiedervereinigung Deutschlands wuchsen die Gemeinden dank des Zustroms von Juden aus der Sowjetunion. 2019 zählte zum Beispiel die Frankfurter Gemeinde 6.500 Mitglieder.

Displaced Persons: Menschen, die während des Zweiten Weltkrieges verschleppt oder deportiert worden waren und sich nach der Befreiung durch die Alliierten außerhalb der Grenzen ihrer Heimatländer befanden. Darunter fallen z. B. Zwangsarbeiter, (meist jüdische) Überlebende der Konzentrationslager sowie politische Gefangene und Kriegsgefangene der Nationalsozialisten und ihrer Verbündeten.
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Nach 1945 kam es in Europa zu großen Migrationsbewegungen, Millionen von Menschen, etwa Häftlinge aus Konzentrationslagern und Zwangsarbeiter, kehrten in ihre Heimat zurück. Unter ihnen waren auch Juden, die die Konzentrationslager überlebt hatten und befreit wurden. Sie lebten zunächst in Camps, die von den Alliierten in ihren Besatzungszonen errichtet wurden. Das einzige rein jüdische DP-Camp in Hessen befand sich in Zeilsheim bei Frankfurt. Noch im Oktober 1948 lebten in Hessen über 80.000 Displaced Persons – überwiegend russische Kriegsgefangene, die nicht in die Sowjetunion zurückkehren konnten, sowie jüdische Überlebende des Holocaust. Der Großteil wartete auf die Möglichkeit, in die USA oder in den neu gegründeten israelischen Staat auszuwandern.
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Das Lager in Zeilsheim bei Frankfurt, das zur Kriegszeit noch als Lager für Zwangsarbeiter diente, beherbergte nach 1945 überwiegend jüdische Displaced Persons. 1945 trafen die ersten jüdischen PCs in der Übergangseinrichtung an. Bis 1948 waren es über 3.000 jüdische Überlebende.

Die überwiegende Mehrheit der Unterkünfte für Displaced Persons war in den amerikanischen Besatzungszonen Ende der 1940er- und Anfang der 1950er-Jahre wurden sie aufgelöst. 
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Zeitzeugenbericht

Zeitzeugenportal - Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland

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Die Jüdin Eva Tichauer Moritz wurde in Chile geboren, wohin ihre Eltern in den 1930er-Jahren vor den Nationalsozialisten geflohen waren. Nach dem Militärputsch floh sie selbst 1975 mit ihrer Familie nach Deutschland. Sie verbarg für lange Zeit ihre religiöse Identität und berichtet, wie sie diese für sich wiedererlangte.

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Nach dem Zerfall der Sowjetunion 1989/90 infolge der politischen Umbrüche veränderten sich die jüdischen Gemeinden in Deutschland. Die ab den 1980er-Jahren offener gestaltete Politik unter Gorbatschow in der Sowjetunion ermöglichte den in den Sowjetrepubliken lebenden Jüdinnen und Juden die Auswanderung. Zwischen 1989 und 2009 sind circa 219.000 Menschen jüdischer Herkunft aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland gekommen. Diese haben sich überwiegend in orthodoxen Gemeinden organisiert und prägten nachhaltig die jüdischen Gemeinden.
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Religiöse Grundlagen

Nicht jede Jüdin und jeder Jude ist in einer Gemeinde organisiert oder streng religiös. Nach jüdischem Recht ist jeder Teil der jüdischen Gemeinde, der oder die zum Judentum übergetreten ist oder als Jüdin oder Jude geboren wurde. Das geht auf die Lehre des jüdischen Philosophen Maimonides (1135‒1204 n. Chr.) zurück: „Jüdisch ist, wer eine jüdische Mutter hat. Das ist Halacha!“  Ob man die jüdischen Gesetze und religiöse Riten im Alltag nun lebt oder nicht oder ob man an einen Gott glaubt oder nicht, ändert nichts daran, ob eine Person Jüdin oder Jude ist.

Eine Beschäftigung mit dem Judentum geht über die religiösen Grundlagen hinaus. Die Frage, ob das Judentum bloß eine Religion oder eine Nation oder Volk sei, wird unterschiedlich beantwortet. Jüdinnen und Juden in Deutschland und auf der Welt bilden ebenso wenig wie Christen und Muslime eine einheitliche Gemeinschaft.

Welche Rolle spielen Bräuche, Traditionen und Feste im Leben (junger) Jüdinnen und Juden? Was unterscheidet das Judentum von anderen Religionen und was verbindet diese?

Halacha: (aus dem Hebräischen halach: „gehen“, „wandeln“) Die Gesamtheit jüdischen Rechts, das das Verhältnis des Volkes zu Gott und unter seinen Mitgliedern regelt, heißt „Halacha“, was mit „Lehre vom rechten Lebenswandel“ übersetzt werden kann.
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„Unser Volk ist nur ein Volk durch seine Lehren“ – Saadja Gaon (882‒942)

Die Heilige Schrift des Judentums ist der Tanach. Er besteht aus drei Teilen und umfasst 39 Bücher. Einen besonderen Stellenwert nimmt der erste Teil der Heiligen Schrift ein, die Tora. Sie ist unterteilt in die fünf Bücher Mose. Der Name „Tora“ bedeutet „Lehre“, kann aber auch mit „Gesetz“ übersetzt werden. Sie ist das erste Buch einer monotheistischen Religion und bildet den Mittelpunkt des jüdischen Glaubens. Die Schrift enthält Berichte über die Schöpfung, über Moses und dessen Begegnung mit Gott, die Geschichte des Volkes Israel und dessen Wanderungen. Sie umfasst unter anderem 613 Weisungen, beziehungsweise Gebote und Verbote.
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Die Mischna, die mündlich überlieferte Gesetzeslehre, ist ein Bestandteil des Talmuds. Mischna bedeutet „Lernen durch Wiederholung“. Es war anfangs verboten, die Mischna aufzuschreiben. Doch durch die steigende Verfolgung im 2. Jahrhundert vor Christus wurde sie niedergeschrieben, um sie zu bewahren.

Im Alltag war es notwendig, die Tora und deren Regelungen immer wieder aufs Neue zu interpretieren und zu kommentieren, zu erklären und in Kontext zu setzen. Daher enthält der Talmud auch die Gemara. Das sind von Gelehrten über Jahrhunderte beigefügte Kommentare zu den Gesetzen und religiösen Traditionen.

Denkanstoß: Das Judentum ist die älteste monotheistische Weltreligion. Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede gibt es zum Beispiel zum Christentum und Islam?
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 „Man kann das jüdische Ritual als die Kunst charakterisieren, der Zeit gültige Formen zu geben.“ (Abraham J. Heschel)

Das Judentum konzentriert sich auf das Leben auf der Erde. Es gibt eine eigene jüdische Zeitrechnung und einen eigenen Jahreskalender, der sich nach dem Mond ausrichtet: So ist das jüdische „Jahr null“ nach gregorianischer Zählung das Jahr 3761 v. Chr. und auch Monate werden anders gezählt. Das jüdische Neujahr ist im Herbst (Tischri) und endet mit dem Monat Elul.

Jüdische Feste und Feiertage richten sich nach dem jüdischen Kalender. Wie feiern Jüdinnen und Juden und welche Feste und Bräuche gibt es neben dem wöchentlichen Schabbat im Judentum?

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Rosch ha-Schana

Das Neujahrsfest, Rosch ha-Schana, ist ein hoher Feiertag im Judentum. Das neue Jahr beginnt mit dem Wunsch, sich mit Gott und seinen Mitmenschen zu versöhnen. Der Feiertag liegt jedoch nicht im Januar – der erste Monat des jüdischen Kalenders ist der Tischri. Im Jahr 2021 wird das Neujahrsfest am 7./8. September gefeiert werden.

An diesem Tag überdenkt man das Vergangene in Hinblick darauf, was man im neuen Jahr besser machen möchte. Gott sitzt während der Zeit bis Jom Kippur über die Menschen zu Gericht und bestimmt die „Schicksale“ der Menschen für das neue Jahr. Die Vorbereitung auf diesen Tag beginnt vier Wochen zuvor – ähnlich der christlichen Fastenzeit vor Ostern.

Jom Kippur

Nach zehn Tagen folgt auf das Neujahrfest der Versöhnungstag Jom Kippur. An diesem Tag ergeht das göttliche Urteil, auf das sich die Gläubigen mit Fasten und Büßen einstellen. Jom Kippur ist einer der wichtigsten Feiertage im Judentum, an denen Gott bereute Sünden vergibt.

Zu Beginn des Neujahrsfestes und zum Ende von Jom Kippur wird das Schofarhorn – ein Widderhorn – geblasen, um Gott Anerkennung zu zeigen. Es erinnert an den Widder, den Abraham anstelle Isaaks für Gott opferte. Am Schabbat wird der Schofar nicht geblasen.

Pessach

Das Pessachfest ist ein Wallfahrtsfest. Es erinnert an den Auszug der Israelis aus Ägypten. Das Fest erwuchs aus dem nomadischen Brauch, im Frühjahr ein Lamm zu schlachten.

Schawout

50 Tage nach dem Pessachfest wird das Erntefest Schawuot gefeiert. Die Gerste ist abgeerntet und die Weizenernte beginnt. Außerdem feiert die jüdische Gemeinde die Übergabe der Tora.

Sukkot

Das Sukkotfest, auch Laubhüttenfest genannt, findet fünf Tage nach Jom Kippur statt und dauert acht Tage. Als ursprüngliches Erntedankfest erinnert es in jüdischer Tradition an die provisorischen Behausungen während der 40-jährigen Wanderung des Volkes Israel durch die Wüste.

Chanukka

Das Lichterfest Chanukka dauert acht Tage und findet im Monat Kislew (Dezember) statt. An diesen Feiertagen wird der Einweihung des Tempels in Jerusalem nach dem siegreichen Makkabäeraufstand (164 v. Chr.) gedacht. Der Erzählung nach brannten die Lichter des Tempels auf wundersame Weise acht Tage lang fast ohne Lampenöl. In Erinnerung daran hat der Chanukkaleuchter acht Arme. Chanukka feiert mit der Einweihung des Tempels auch den Erhalt jüdischer Identität unter schweren Bedingungen.

Purim

Purim ist ein Freudenfest, das im Monat Adar (Februar oder März) gefeiert wird. Es gedenkt der Rettung des jüdischen Volkes durch Esther. Sie wurde von ihrem Cousin, dem jüdischen Mordechai, großgezogen und heiratete den König von Persien. Das ermöglichte ihr, ihr Volk vor dem Plan des hohen Regierungsbeamten Haman, alle Juden in Persien zu ermorden, zu retten. An Purim wird aus dem Buch Mose und Esther gelesen und jede Nennung des Namen Hamans wird durch Rasseln und andere laute Geräusche übertönt.

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Der Schabbat ist der heilige Wochenfeiertag. Er beginnt Freitagabend bei Sonnenuntergang und endet Samstagabend bei Sonnenuntergang. Samstag ist der siebte Tag der jüdischen Woche, an dem Gott nach sechs Tagen Schöpfung einen Ruhetag einlegte. Am Schabbat dürfen fromme Juden nicht arbeiten – darunter fällt auch das Kochen oder Autofahren.
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Brit Mila

Neben Feiertagen gibt es traditionelle Feste, die Jüdinnen und Juden im Lauf ihres Lebens feiern, etwa die Geburt, das Erreichen der religiösen Volljährigkeit oder die Hochzeit.

Von besonderer Bedeutung ist die „Brit Mila“, die Beschneidung männlicher Säuglinge am achten Lebenstag. Auch Juden, die sich nicht mehr als religiös bezeichnen, halten an der Beschneidung fest. Die Beschneidung markiert den Bund mit Gott und den Eintritt in die jüdische Gemeinschaft.

Bar Mizwa

Jungen erreichen mit 13 Jahren im Rahmen der Bar-Mizwa ihre religiöse Volljährigkeit. Am Schabbat nach ihrem Geburtstag wird ihre Aufnahme in der Synagoge gefeiert, wo sie zum ersten Mal aus der Tora vorlesen.

Bat Mizwa

Mädchen in liberalen Gemeinden feiern mit zwölf Jahren ihre Volljährigkeit im Rahmen der Bat-Mizwa. Im Anschluss folgt eine Feier.

Denkanstoß

Die Bar-Mizwa bzw. die Bat-Mizwa stellt für junge Jüdinnen und Juden den Übergang in die religiöse Volljährigkeit dar, sie sind fortan ein vollwertiges Mitglied der jüdischen Gemeinde. Kennst du ähnliche Rituale?

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Alles eine Verschwörung?

Gerüchte über Jüdinnen und Juden sind seit je Gegenstand von Verschwörungserzählungen. Eine Verschwörungserzählung erscheint oftmals in sich schlüssig und jeder rationale Einwand wird als Bestätigung angesehen. Um sie zu erkennen, kann man fragen: Von wem kommt die Erzählung, was ist ihre Intention und gibt es eine andere, rationale Erklärung?

Seit Jahrhunderten wird ihnen beispielsweise zugeschrieben, im Geheimen Böses zu tun, zu betrügen oder etwa umfassende Kontrolle über Politik, Finanzen und die Medien zu haben. Besonders in Krisenzeiten erleben solche Erzählungen immer wieder neuen Auftrieb. Im Mittelalter erklärte etwa der christliche Antijudaismus das Aufkommen der Pest damit, dass Juden die Brunnen vergiftet hätten. Der Präsident der palästinensischen Autonomiebehörde Abbas beschuldigte Israel, das in Palästina zu tun - vor dem EU-Parlament und bekam Beifall für seine Rede (2016). Dass das „internationale Finanzjudentum“ nach der Weltherrschaft strebe, ist seit Mitte des 19. Jahrhunderts der verbreitetste Mythos. Aktuell bietet die Covid-19-Pandemie fruchtbaren Boden für antisemitische Verschwörungserzählungen.
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Verschwörungstheorie, Verschwörungsmythos oder doch Verschwörungserzählung? Worin unterscheiden sich die Begriffe und was bedeuten sie?

Weitverbreitet ist der Begriff „Verschwörungstheorie“. Dieser täuscht aber eine theoretische, wissenschaftliche Grundlage vor, was nicht zutrifft. Viele sprechen daher von Verschwörungserzählungen. Das soll verdeutlichen, dass es sich lediglich um eine Annahme handelt, die nicht nachvollziehbar ist. Eine Verschwörungserzählung erscheint in sich schlüssig und jeder rationale Einwand wird als Bestätigung angesehen. Um Verschwörungserzählungen zu erkennen, kann man fragen: Von wem kommt die Erzählung, was ist ihre Intention und gibt es eine andere, rationale Erklärung?

Verschwörungsideologie hingegen beschreibt ein Denksystem, ein Weltbild. Kritik und Widerspruch an diesem wird ausgeschlossen. Trotz widerlegender Beweise wird die Ideologie aufrechterhalten, da der Glaube an eine Verschwörung so weit gefestigt ist. Existierende Gruppen wie Geheimdienste oder wohlhabende Familien werden als Verschwörer inszeniert.

Der Verschwörungsmythos bezieht sich nicht wie die Ideologie auf existierende Gruppen oder Einzelpersonen, sondern auf fiktive Personen oder Gruppen. Hierunter zählen etwa die Mythen über Reptiloide oder die Illuminati.
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Die Anzahl der Menschen, die an Verschwörungserzählungen glauben und verbreiten, wächst. Insbesondere in Krisenzeiten erleben sie einen Aufschwung. Doch warum entstehen Verschwörungserzählungen und warum verbreiten sie sich so schnell?
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"Verschwörungstheorien: So lassen sie sich entlarven, alpha lernen erklärt Medienkompetenz", hochgeladen am 25. Mai 2021 von "alpha Lernen"

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1903 erschien die antisemitische Schrift „Protokolle der Weisen von Zion“. Diese Schrift, die eine russische Fälschung ist, beschreibt und „dokumentiert“ eine angebliche „jüdische Weltverschwörung“. Jüdische Führer würden angeblich versuchen, eine weltweit agierende Geheimregierung zu begründen. Noch über 100 Jahre nach Erscheinen der Fälschung wird diese vermeintliche Verschwörung immer wieder aufgegriffen. Auch die Verschwörungstheorien rund um den Covid-19-Virus greifen den Mythos der „jüdischen Weltverschwörung“ wieder auf.
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"Die Rothschild-Theorie", hochgeladen am 5. November 2019 von "Jüdisches Forum"

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Sind Verschwörungserzählungen immer antisemitisch? Verschwörungserzählungen und -ideologien greifen bei der Beschreibung der Feindbilder auf Stereotype zurück. Diese Stereotype und Codes wiederholen sich und decken sich häufig mit antisemitischen Bildern. Die Vorsitzende der Antonio Amadeu Stiftung spricht über den Zusammenhang von Verschwörungserzählungen und Antisemitismus.
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"Seriously? #glaubnicht alles Entschwörung mit Anetta Kahane", hochgeladen am 16. Juni 2020 von "Amadeu Antonio Stiftung"

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Jüdische Erinnerungsorte in Hessen

Seit der Gründung jüdischer Gemeinden in Hessen waren Jüdinnen und Juden prägender Bestandteil der hessischen Gesellschaft und Kultur. Spuren des jüdischen Lebens finden sich auf vielfältige Weise in Hessen und an vielen Orten entdeckt man die gemeinsame Vergangenheit. Zahlreiche Friedhöfe, Museen und Gedenkstätten sind fest im öffentlichen Raum verankert – oft reicht ein genauer Blick in das eigene Umfeld, um fündig zu werden. In Hessen gibt es zahlreiche Initiativen, die sich dem Gedenken an die Verfolgung der hessischen Jüdinnen und Juden widmen. Hier kannst du dir einen Überblick zu den Angeboten in Hessen verschaffen.
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Das Ostend

Ab Mitte des 19. Jahrhunderts entstand im Osten der Stadt Frankfurt ein neues Wohngebiet. Es siedelten sich zunächst überwiegend Arbeiter an. Doch nach der Öffnung der Frankfurter Judengasse siedelten viele Jüdinnen und Juden in dem Viertel an. Ende des 19. Jahrhunderts war fast jeder zweite Bewohner im „Ostend“ jüdisch. Es gab zahlreiche jüdische Geschäfte und Wohlfahrtseinrichtungen wie das jüdische Waisenhaus.

Synagoge in der Friedberger Anlage

Durch jüdische Einwanderer aus Ost- und Mittelosteuropa war das Leben im Ostend vor allem durch das orthodoxe Judentum geprägt. Die orthodoxe Gemeinde errichtete zu Beginn des 20. Jahrhunderts an der Friedberger Anlage ihre Synagoge. Diese wurde von den Nationalsozialisten in der Reichspogromnacht 1938 zerstört und ein Bunker wurde an ihrer Stelle errichtet. Heute findet sich hier ein Ausstellungsraum, der die Geschichte des Ostends beleuchtet.

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Der jüdische Friedhof in der Battonstraße in Frankfurt am Main ist einer der ältesten erhaltenen Friedhöfe in Deutschland. Urkundlich erwähnt wurde der Friedhof erstmals 1180, der älteste Grabstein stammt aus dem Jahr 1272. Bis 1828 wurde der Friedhof genutzt. 1939 musste er an die Stadt Frankfurt verkauft werden. Eine gänzliche Zerstörung des Friedhofs durch die Nationalsozialisten blieb nur aufgrund des Bombenkrieges auf Frankfurt aus. Neben den Bruchstücken sind heute noch knapp 2.500 Grabsteine erhalten. Es finden sich Grabsteine bekannter und einflussreicher Personen, etwa Mayer Amschel Rothschilds, des Begründers der Bankhausdynastie. An der äußeren Friedhofsmauer erinnern heute 11.957 Namenssteine an das Schicksal Frankfurter Juden während des „Dritten Reiches“.

Denkanstoß: Gibt es bei dir im Ort einen jüdischen Friedhof und kennst du dessen Geschichte?
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Das Gebäude wurde 1820 für den Bankier Joseph Isaak Speyer erbaut und 1846 von Mayer Carl Rothschild, dem Enkel der Begründer der Bankdynastie, erworben. 1887 eröffnete hier seine Tochter Hanna Luise von Rothschild Frankfurts erste öffentliche Bibliothek. 1828 wurde das Palais der Stadt Frankfurt übergeben. Das Gebäude wurde nach einer umfassenden Renovierung im Oktober 2020 neu eröffnet und beinhaltet eine Dauerausstellung des Jüdischen Museums.

Denkanstoß: Suche nach Berührungsorten in deiner Umgebung und recherchiere deren Geschichte.
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Ausstellungsraum 1

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Moral und Ethik

Ähnlich wie in anderen Weltreligionen sucht das Judentum auf zentrale Fragen des Lebens und Zusammenlebens Antworten. Es setzt sich mit vielen Fragen der Ethik, also dem menschlichen Handeln, auseinander. Die Lehren sollen helfen, Antworten darauf zu finden, wie man das eigene Leben und Handeln gestalten kann.

Wie selbstbestimmt sind wir? Welche Folgen hat unser eigenes Handeln auf uns selbst und das Zusammenleben mit anderen und die Natur? Solche Überlegungen können und werden dir in deinem Alltag immer wieder begegnen. Eine allgemeingültige Antwort ist schwer zu finden, schließlich ändert sich unsere Welt stetig und althergebrachte Ansichten müssen immer wieder aufs Neue durchdacht werden. Im Zentrum der jüdischen Ethik stehen Gerechtigkeit, Wohltätigkeit, Güte und Mitgefühl. Welche Antworten gibt das Judentum auf heutige moralische und ethische Fragen?
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Grundlage für das Handeln aller Menschen, ob jüdisch oder nicht, sind nach jüdischem Verständnis die Noachidischen Gebote. Für Jüdinnen und Juden gelten die 613 Mizwot, die sich etwa mit Gott, dem Gebet, Festen, Speisen oder Tieren befassen. Orthodoxe und nichtorthodoxe Juden betrachten die Gebote für ihr tägliches Leben und Handeln als unterschiedlich bindend. Diese Ge- und Verbote wurden von Rabbinern immer wieder neu ausgelegt und aktuellen Lebensumständen und Entwicklungen angepasst.

Noachidische Gebote: Die sieben Gebote umfassen das Verbot von Mord, Diebstahl, Götzenanbetung, Unzucht, Verzehr von Fleisch eines lebenden Tieres, Gotteslästerung sowie die Einführung von Gerichten, um die Einhaltung der Gesetze zu gewähren.
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Jeden Tag stehen wir vor vielen unterschiedlichen Entscheidungen, vor kleinen wie der Wahl unserer Klamotten oder des Frühstücks bis hin zu großen wie der Wahl von Studium oder Beruf. Aber wie frei sind wir im Treffen dieser Entscheidungen und in unserem täglichen Handeln und Denken? Sind wir unabhängig von äußeren Einflüssen, etwa den Erwartungen der Eltern, oder ist jede unserer Entscheidungen vorbestimmt?

Die Frage nach der Willensfreiheit wird von vielen Menschen seit je diskutiert. So meinen einige Philosophen, Wissenschaftler und Denker zum Beispiel, dass alle Entscheidungen vorherbestimmt sind – durch vorherige Ereignisse, natürliche Triebe oder aber auch die Allwissenheit Gottes. Inwiefern die Willensfreiheit etwa durch die Allmacht und Allwissenheit Gottes eingeschränkt ist, wird auch im Judentum diskutiert. Der Philosoph Maimonides zum Beispiel erklärte, dass die menschliche Vernunft und das Handeln eine Gabe Gottes seien. Das ermöglicht uns, frei von Trieben, eigenen Bedürfnissen und äußeren Einflüssen zu entscheiden. Vielmehr basiere das Handeln auf Werten und Idealen. Demnach sind Menschen in ihrem Willen frei, eigene Entscheidungen zu treffen.

Denkanstoß: Was bedeutet „freier Wille“ für dich? Können Menschen einen freien Willen haben und welche Rolle spielt hierbei die Religion?
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„Das Gewissen ruft.“ – Bertha Pappenheim (18591936, Gründerin des Jüdischen Frauenbundes)

Viele Schulen organisieren regelmäßig Spendenaktionen, um bedürftige Menschen in Deutschland und in der Welt zu unterstützen. Häufig werden Geld und Sachgegenstände gesammelt, um zum Beispiel Menschen, die hungern, in Armut leben oder Opfer von Naturkatastrophen geworden sind, zu unterstützen.

Im Judentum ist solch ein wohltätiges Handeln fest verankert. Sowohl Männer als auch Frauen sind zum Geben der „Zedaka“ verpflichtet. „Zedaka“ wird allgemein mit „Wohltätigkeit“ übersetzt. Im ursprünglichen Sinn bedeutet das hebräische Wort jedoch „Gerechtigkeit“. Das wohltätige Geben und Hilfsbereitschaft sind nach jüdischem Verständnis Pflicht: Der eigene Wohlstand soll genutzt werden, um die Welt gerechter zu gestalten. Wohltätige Organisationen, Hilfsangebote und soziale Einrichtungen sind von besonderer Bedeutung. Das höchste Ziel nach dem achtstufigen Modell der Wohltätigkeit ist die „Hilfe zur Selbsthilfe“.
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Tikkun Olam („Reparatur der Welt“) beschreibt die Verbesserung der Welt. Auch nicht religiöse Jüdinnen und Juden erachten es als erstrebenswert, die Welt durch das eigene Handeln und gute Taten zu einer besseren mitzugestalten. Gerechtigkeit kann es nur geben, wenn sich Menschen gegenseitig respektieren und unterstützen. Ein jeder soll im Rahmen seiner eigenen Möglichkeiten hierzu seinen Beitrag leisten. Das kann im Rahmen von durch Synagogen organisierten Projekten wie zum Beispiel Suppenküchen stattfinden, dem Sammeln von Spenden, aber auch durch kleine Gesten im Alltag.

In dem Video anlässlich des Mitzvah Day 2015 erklärt ein junges Mädchen „Tikkun Olam“ und dessen Hintergründe.
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"Mitzvah Day Deutschland am 15. November 2015", hochgeladen am 3. September 2015 vom "Zentralrat der Juden"

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Wöchentlich gehen Schülerinnen und Schüler auf die Straße und sind Teil eines globalen Klimastreiks. In Zeiten des Klimawandels, der Ausbeutung natürlicher Ressourcen wie Energie und Wasser, aber auch der Lebensmittelverschwendung ist die Frage nach einem verantwortungsvollen Umgang mit unserer Umwelt und Natur dringender denn je.

Die jüdische Lehre vertritt den moralischen Grundsatz, dass sich der Mensch die Natur zwar zu nutzen machen darf, doch ebenso für deren Erhalt sorgen muss. Ein verantwortungsvoller Umgang mit der Natur schließt zum Beispiel Umweltzerstörung und Verschwendung von natürlichen Ressourcen aus. Der Grundsatz „Bal Taschchit“ („Vernichte nicht!“) bezieht sich etwa auf die Verschwendung von Lebensmitteln, insbesondere von Obstbäumen. Frühe Auslegungen erweitern die Bedeutung auch auf andere Formen der mutwilligen Zerstörung und sinnlosen Verschwendung, wie von Lampenöl, Kleidung oder Tieren.

Es liegt in der Verantwortung eines jeden Einzelnen, der Zerstörung von natürlichen Ressourcen und der Verschwendung entgegenzuwirken, die Natur zu bewahren und durch das eigene Handeln zu verbessern. An Tu Bischwat, dem Neujahrsfest der Bäume, werden zum Beispiel Bäume gepflanzt.

Denkanstoß: Bal Taschchit wird oft als Verbot der Verschwendung von allerlei Ressourcen ausgelegt. Was könnte dies alles beinhalten, welche weiteren Beispiele fallen dir ein?
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Darf ich Israel kritisieren?

In Israel selbst und in der deutschen- und Weltpresse wird heftig darüber gestritten, ab wann Kritik an der Politik Israels antisemitisch ist und wann nicht. Eine Möglichkeit, israelbezogenen Antisemitismus zu erkennen, geht auf die Definition der „International Holocaust Remembrance Alliance“ von Antisemitismus zurück, die 2017 von der Bundesregierung offiziell anerkannt wurde. Gerechtfertigte Kritik am Staat Israel hört da auf, wo Israel mit anderen Maßstäben als alle anderen Staaten bewertet wird, man „den Juden“ etwas vorwirft, was man anderen nicht vorwerfen würde, wenn sie antisemitische Stereotype bedient, Vergleiche zum Nationalsozialismus macht und eine Täter-Opfer-Umkehr stattfindet und dem Staat Israel das Existenzrecht abgesprochen wird. Problematisch ist auch oft die Berichterstattung über israelische Militäraktionen, die sich nur auf diese konzentriert und vorausgegangene palästinensische Angriffe nicht nennt oder verharmlost. Die Geschichte des Nahostkonflikt reicht weit zurück und ist noch heute emotional stark aufgeladen.
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Ende des 19. Jahrhunderts erstarkten überall in Europa nationalistische Bewegungen. Auch unter europäischen Juden, die vor allem im Zarenreich Russland zahlreichen Pogromen ausgesetzt waren, formierte sich eine Bewegung, die eine jüdische Heimat verlangte. Der Zionismus forderte einen jüdischen Staat, in dem Jüdinnen und Juden selbstbestimmt leben können sollten. Eine Einwanderungswelle nach Palästina setzte ein. Lebten 1882 noch 24.000 Juden und 450.000 Araber in Palästina, waren es 1947 bereits 600.00 Juden und knapp 1,2 Millionen Araber.

Bereits 1917 versprach Großbritannien einerseits die Errichtung einer jüdischen Heimstätte in Palästina, andererseits aber auch ein arabisches Königreich von Palästina bis an den Persischen Golf sowie ein Königreich Großsyrien. Doch Palästina wurde nach dem Ersten Weltkrieg ein Mandatsgebiet unter britischer Führung.

Die jüdische Besiedelung Palästinas nahm weiter zu. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 strömten immer mehr Jüdinnen und Juden nach Palästina und kauften dort Land. Aus Sorge vor Konflikten beschränkte die britische Mandatsmacht die jüdische Zuwanderung. Auf beiden Seiten gründeten sich paramilitärische Organisationen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg konnten zum einen die Briten ihre Mandatsherrschaft nicht mehr aufrechterhalten und zum anderen wurde das Ausmaß des Holocaust bekannt. Daraufhin beschloss die UNO 1947, die Region in ein jüdisches und ein palästinensisches Land aufzuteilen. 1948 erklärte Israel seine Unabhängigkeit und das weltweite Judentum erhielt einen eigenen Staat.

Doch mit dem Aufteilungsplan der UNO war keine Seite zufrieden. Innerhalb kürzester Zeit kam es zum Krieg zwischen Israel und den arabischen Staaten, die die Gründung des Staates ablehnten. Dieser Konflikt prägt die Region bis heute und es kommt immer wieder zu Ausschreitungen. 1993 kam es zu Friedensgesprächen, in denen beide Seiten ihr jeweiliges staatliches Existenzrecht anerkannten. Seitdem werden bestimmte Gebiete von einer Palästinensischen Autonomiebehörde verwaltet.
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Am 1. Juni 2019 beteiligten sich etwa 900 Menschen am antisemitischen Al-Quds-Marsch durch Berlin. Der 1. Juni ist der sogenannte Al-Quds-Tag (Internationaler Jerusalem-Tag). Dieser wurde 1979 vom iranischen Revolutionsführer Ajatollah Ruhollah Chomeini ausgerufen. Auf einigen propalästinensischen Demonstrationen kommt es immer wieder zu antisemitischen Äußerungen.
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"Vereint gegen Israel: Antisemitische Al-Quds-Marsch in Berlin 2019", hochgeladen am 1. Juni 2019 von "Jüdisches Forum"

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Der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern ist emotional hoch aufgeladen und reicht bis in die Zeit des Ersten Weltkriegs zurück. Immer wieder kommt es im Rahmen des Nahostkonflikts und Israels Politik zu antisemitischen Positionierungen. Doch ist nicht jede kritische Auseinandersetzung mit dem Staat Israel sofort antisemitisch. Ab wann Kritik oder israelbezogene Aussagen antisemitisch sind, kann man in einem ersten Schritt etwa durch den sogenannten 3-D-Test prüfen, der von dem israelischen Politiker Natan Scharanski entwickelt wurde. Dieser legt drei Kriterien fest. Die Dämonisierung wie die Darstellung Israels als das „absolute Böse“; die Anwendung von Doppelstandards, wenn Israel mit anderen Maßstäben als andere Staaten behandelt und bewertet wird; die Delegitimierung, also die Absprache des Existenzrechts Israels. Auf diese Weise lässt sich erkennen, ob der Kritik israelfeindliche oder gar antisemitische Auffassungen zugrunde liegen.
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"#kurzerklärt: Wann ist Israel-Kritik antisemitisch?", hochgeladen am 25. Januar 2019 von "tagesschau"

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Eine weitere Möglichkeit, israelbezogenen Antisemitismus zu erkennen, geht auf die Definition der „International Holocaust Remembrance Alliance“ von Antisemitismus zurück:  
  1. „Der Vorwurf gegenüber den Jüdinnen und Juden als Volk oder dem Staat Israel, den Holocaust zu erfinden oder übertrieben darzustellen.“
  2. „Der Vorwurf gegenüber Jüdinnen und Juden, sie fühlten sich dem Staat Israel oder angeblich bestehenden weltweiten jüdischen Interessen stärker verpflichtet als den Interessen ihrer jeweiligen Heimatländer.“
  3. „Das Aberkennen des Rechts des jüdischen Volkes auf Selbstbestimmung, z. B. durch die Behauptung, die Existenz des Staates Israel sei ein rassistisches Unterfangen.“
  4. „Die Anwendung doppelter Standards, indem man von Israel ein Verhalten fordert, das von keinem anderen demokratischen Staat erwartet oder gefordert wird.“
  5. „Das Verwenden von Symbolen und Bildern, die mit traditionellem Antisemitismus in Verbindung stehen (z. B. der Vorwurf des Christusmordes oder die Ritualmordlegende), um Israel oder die Israelis zu beschreiben.“
  6. „Vergleiche der aktuellen israelischen Politik mit der Politik der Nationalsozialisten.“
  7. „Das kollektive Verantwortlichmachen von Jüdinnen und Juden für Handlungen des Staates Israel.“
(https://www.holocaustremembrance.com/de/node/196)  
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Auf einer internationalen Konferenz des Europäischen Parlaments, die sich dem Antisemitismus und der Zukunft europäischer jüdischer Gemeinden widmete, hielt Rabbiner Jonathan Sacks, ehemaliger Oberrabbiner Großbritanniens, einen Vortrag zum heutigen Antisemitismus.

Eine Übersetzung der Rede findest Du hier.
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"Rabbi Sacks on the connection between antisemitism, anti-Zionism, Judaism and Israel", hochgeladen am 30. April 2019 von "Rabbi Sacks"

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"Juddebubbe"

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren Zehntausende jüdische Sportlerinnen und Sportler in Sport- und Turnvereinen organisiert und ein fester Bestandteil der Vereins- und Fankultur. Doch mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurden sie aus diesen verdrängt und organisierten sich nun vermehrt in jüdischen Sportvereinen wie Makkabi oder Schild. Diese erhielten nach 1933 einen großen Zulauf. Nach den Olympischen Spielen 1936 wurden Juden gänzlich aus dem Sport ausgeschlossen.  

Auch die Geschichte des hessischen Sportvereins Eintracht Frankfurt ist ohne die jüdischen Bürger der Stadt undenkbar. Neben jüdischen Unterstützern spielten in der Mannschaft selbst einige Juden. So war die Schuhfabrik J. & C. A. Schneider der jüdischen Inhaber Adler und Neumann vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten der wichtigste Sponsor und ermöglichte dem Verein seinen Aufstieg. Doch auch der Frankfurter Verein schloss jüdische Sportlerinnen und Sportler im Lauf der 1930er-Jahre aus und galt ab 1937 als „judenrein“. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden sämtliche Sportvereine von den Alliierten aufgelöst und die Vereine mussten sich neu gründen.
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Anfang der 1930er-Jahre war die Frankfurter jüdische Gemeinde mit rund 30.000 Mitgliedern die zweitgrößte Deutschlands. Es gab vier jüdische Sportvereine in Frankfurt, die bis 1933 ungefähr 1.000 Sportlerinnen und Sportler umfassten.

Einer der bedeutendsten ist bis heute „Makkabi“, der 1903 von deutsch-jüdischen Vereinen als Dachverband gegründet wurde. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde der Dachverband zunächst aus dem Sport ausgeschlossen und wenige Jahre darauf verboten. 1965 wurde Makkabi Deutschland wieder neu gegründet. Der Frankfurter Ortsverein ist heute mit über 1.000 jüdischen und nichtjüdischen Mitgliedern der größte Ortsverein.
(Foto: B1-Fussballjugend des juedischen Sportklubs Makkabi in Frankfurt am Main, 2018)
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Viele jüdische Sportler waren in nichtjüdischen Vereinen organisiert. In Frankfurt etwa erhielt die Eintracht große Unterstützung von jüdischen Bürgern, um den finanziell schwachen Verein etwa durch Spenden zu unterstützen. Von besonderer Bedeutung ist die Frankfurter Schuhfabrik J. & C. A. Schneider, die von den jüdischen Brüdern Fritz und Lothar Adler sowie Walter Neumann geleitet wurde. Viele Spieler waren Anfang der 1930er-Jahre bei ihnen beschäftigt. Das war daher wichtig, da Spieler damals von ihren Vereinen kein Geld bekamen. Die Spieler waren zwar in der Firma angestellt, konnten jedoch problemlos mehrmals täglich trainieren und sich auf ihre Spiele vorbereiten. Da das jüdische Unternehmen vor allem Hausschuhe herstellte, nannte man die Spieler auch „Schlappekicker“ („Hausschuh“ auf Hessisch) oder auch „Juddebubbe“.
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Sport im Nationalsozialismus

Bis 1933 konnten Juden weitestgehend unbehelligt Sport ausüben. Doch mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten kam es zu umfassenden Veränderungen im deutschen Sport und Juden wurden aus dem Wettbewerb mit nichtjüdischen Vereinen ausgeschlossen. Der Sport im Nationalsozialismus sollte am Militär und Wehrdienst ausgerichtet sein. Er sei „die Vorbildung für den späteren Heeresdienst“.

Harry Valérien: Sport in der Hitler-Jugend

Harry Valérien war Mitglied der Hitlerjugend und später Sportjournalist. Er beschreibt die Bedeutung von Sport im Nationalsozialismus besonders für Jugendliche.
Klicke auf den Kreis und schaue dir das Interview an.

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Am 9. April 1933 unterschrieben 14 deutsche Sportvereine, darunter die Eintracht Frankfurt, im vorauseilenden Gehorsam die „Stuttgarter Erklärung“:

„Die unterzeichnenden, am 9. April 1933 in Stuttgart anwesenden, an den Endspielen um die süddeutsche Fußballmeisterschaft beteiligten Vereine des Süddeutschen Fußball- und Leichtathletikverbandes stellen sich freudig und entschieden den von der nationalen Regierung auf dem Gebiet der körperlichen Ertüchtigung verfolgten Besprechung zur Verfügung und sind bereit, mit allen Kräften daran mitzuarbeiten. Sie sind gewillt, in Fülle dieser Mitarbeit alle Forderungen, insbesondere in der Frage der Entfernung der Juden aus den Sportvereinen, zu ziehen. Sie betrachten es ferner als vaterländliche Pflicht, den Wehrsport in ihr Jugenderziehungsprogramm aufzunehmen. Stuttgarter Kickers, Karlsruher FV, Phönix Karlsruhe, Union Böckingen, FSV Frankfurt, Eintracht Frankfurt, 1. FC Nürnberg, SpVgg Fürth, SV Waldhof, Phönix Ludwigshafen, Bayern München, 1860 München, FC Kaiserslautern, FC Pirmasens“ „Unser Verein ist judenfrei! Ausgrenzung im deutschen Sport“, hrsg. v. Lorenz Pfeiffer u. Henry Wahlig, Berlin/Boston 2017, Dok. 267 „Stuttgarter Erklärung führender süddeutsche Fußballvereine zur ‚Entfernung der Juden aus den Sportvereinen‘“
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Jüdische Sportlerinnen und Sportler waren im Sport und bei der Frankfurter Eintracht offiziell nicht mehr willkommen. Die Vereinsführung wurde gleichgeschaltet und Juden wurden aus ihren Positionen gedrängt. So musste 1933 etwa der jüdische Schatzmeister Hugo Reiss seine Position aufgeben. Er emigrierte 1937 nach Chile. Doch setzte die Eintracht nicht sofort den Ausschluss aller um. Der jüdische Fußballer Julius Lehman spielte zum Beispiel noch weiter und auch Turnerinnen und Turner, die aus anderen Vereinen ausgeschlossen wurden, konnten bei der Eintracht vorerst ihren Sport ausüben.

Dies war aber nur möglich, da 1936 die Olympischen Spiele in Berlin stattfanden und das Deutsche Reich Boykotte anderer Länder verhindern wollte. Doch nach 1936 änderte sich das Klima in Deutschland. Juden wurden gänzlich aus Vereinen ausgeschlossen und durften ab 1938 keine Sportplätze mehr nutzen.
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Walther Bensemann

Walther Bensemann wurde am 13. Januar 1873 in Berlin geboren und gilt als deutscher Fußballpionier. Er war an zahlreichen Vereinsgründungen etwa in Straßburg, Baden-Baden, München, Marburg und Freiburg beteiligt – darunter auch die der Eintracht Frankfurt. Zudem begründete er die noch heute bekannte Fußballzeitung „Kicker“. Er vertrat die Idee, dass Fußball friedensstiftend wirken könne und die Menschen unabhängig von Klasse und Herkunft verbinde. Nach der Machtübernahme floh er 1933 in die Schweiz und verstarb dort am 12. November 1934.

Denkanstoß

Walther Bensemann sah im Sport die Möglichkeit, Menschen unterschiedlicher Herkunft zu verbinden: „Der Sport ist eine Religion, ist vielleicht heute das einzig wahre Verbindungsmittel der Völker und Klassen.“ – Stimmst du dem zu? Wie integrativ kann Sport wirken?

Helene Mayer

Helene Mayer wurde am 20. Dezember 1910 als Tochter eines jüdischen Arztes in Offenbach am Main geboren. Im Alter von zehn Jahren trat sie dem Fechtclub Offenbach bei und wurde mit 14 Jahren Deutsche Meisterin im Florettfechten. Sie hielt diesen Titel fünf Jahre in Folge. 1928 gewann sie in Amsterdam die Goldmedaille bei den Olympischen Spielen und wurde weltweit bekannt.

Olympische Spiele

Sie gehörte 1936 zu den wenigen Sportlerinnen mit jüdischen Wurzeln, die an den Olympischen Spielen teilnehmen durften, und gewann die Silbermedaille. Sie selbst sah sich jedoch nicht als Jüdin. 1937 emigrierte sie in die Vereinigten Staaten und erhielt 1940 die amerikanische Staatsbürgerschaft. Sie verstarb 1953.

Julius Hirsch

Julius Hirsch wurde am 7. April 1892 in Achern geboren. In seiner Karriere als Nationalspieler wurde er 1910 und 1914 zwei mal Deutsche Meister. Er ist  der zweite jüdische Nationalspieler.

1933 tritt er aus seinem Verein aus und kommt dem Ausschluss zuvor. Ab 1939 muss er Zwangsarbeit verrichten. Er wird zunächst nicht deportiert da er mit einer Nicht-Jüdin verheiratet ist. 1943 wird er nach Auschwitz deportiert. 1950 wird er offiziell für tot erklärt.

Gretel Bergmann Lambert

Gretel Bergmann wurde 1914 in Laupheim geboren. Sie gehörte zu den besten Hochspringerinnen in Deutschland. Aufgrund ihrer jüdischen Herkunft wird sie bereits 1933 aus ihrem Sportverein ausgeschlossen. Daraufhin emigriert sie nach Großbritannien und plant für das britische Team an den Olympischen Spielen teilzunehmen. Allerdings wird sie vom NS-Regime  genötigt nach Deutschland zurückzukehren, um dort weiter zu trainieren - eine Teilnahme will das Regime jedoch verhindern. Obwohl sie sich durch einen neuen deutschen Rekord im Hochsprung qualifiziert hatte, verweigert man ihr die Teilnahme. Sie wandert in die USA aus und ist dort weiterhin aktiv im Sport. Ihr Hochsprungrekord wurde 2009 vom Leichtathletik-Verband offiziell in die Statistik erfasst.

Gottfried Fuchs

Gottfried Fuchs wurde am 3. Mai 1889 in Karlsruhe geboren und spielte seit klein auf Fußball. Mit seiner späteren Mannschaft (Karlsruher FV) wird er mehrmals Süddeutscher Meister.

Ab 1911 spielt er in der Nationalmannschaft. Während der Olympischen Spiele 1912 stellte er gegen Russland ein Tor-Weltrekord auf, er schoss in einem Länderspiel zehn Tore. 1920 beendet er offiziell seine Fußballkarriere. Aus seinem Sportverein wurde er 1935 als Jude ausgeschlossen. Zwei Jahre später emigriert er nach Kanada, wo er 1972 verstarb.

Sein Tor-Weltrekord von 1912 wurde erst 2001 gebrochen.

Martha Jacob

Martha Jacob, am 7. Februar 1911 in Berlin geboren, ist bereits als Fünfjährige Mitglied des Turnvereins Bar Kochba Berlin. Anfangs trainiert sie vor allem Turnen und Gymnastik doch entdeckt ab 1924 ihr Talent für Leichtathletik.
1928, nach ihrem Vereinswechsel, nimmt die an den Olympischen Spielen teil. Sie gewinnt mehrere Titel, wie Deutsche Speerwurfmeisterin. Ab 1931 trainiert sie die britische Leichtathletikmannschaft. Zwei Jahre darauf zieht sie nach London, da die antisemitische Diskriminierung immer weiter zunimmt. 

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Im Dezember 1945 veranlassten die Siegermächte die Auflösung aller Sportvereine. Für eine Neugründung musste ein „Entnazifizierungsnachweis“ der Vorstandsmitglieder bei der Militärbehörde der Alliierten vorgelegt werden. Für die Eintracht beantragte Emanuel Rothschild die Lizenz. Er war ab den 1920er-Jahren Mitglied des Vereins und hatte Dank seiner nichtjüdischen Frau als einer von nur etwa 100 Frankfurter Juden in der Stadt überlebt. Die zuständige Militärbehörde stimmte zu, insbesondere weil ein Jude die Neugründung beantragte.  

Arthur Cahn (ehemalige Spieler, Vorsitzender und Pressewart), der 1936 mit seiner Schwester nach Chile geflüchtet war, schrieb in einem seiner letzten Briefe 1952 an seine alten Vereinskameraden: „Ihr Eintrachtler, lasst euch nicht zerbrechen, fördert nach wie vor das Wahre, Gute und Schöne, helft der gewillten und befähigten Jugend, die Tradition zu erhalten, und schätzt den Geist und den zähen Willen der Alten und Ältesten, die zum Wiederaufbau stehen, und grüßt mir mein schönes Frankfurt und meine Eintracht.
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Jüdische Vielfalt

"Nennen die Sephardim ihre Gesetze den „gedeckten Tisch“, so verstehen sich die Aschkenasim als die „Tischdecke“."

Im Judentum gibt es wie auch in anderen Religionen verschiedene Strömungen, die durch verschiedene geografische, kulturelle und politische Rahmenbedingungen geprägt wurden und sich in ihren Bräuchen, Traditionen und auch ihrer Sprache unterscheiden. Ca. 70. n. Chr. wurde Jerusalem durch die Römer zerstört und das jüdische Volk vertrieben. Die ins heutige Spanien (biblischer Name „Sefardim“) ausgewanderten Jüdinnen und Juden nannten sich Sefardim und erlebten während der muslimischen Herrschaft ab 709 vier „goldene Jahrhunderte“, in denen sie enorme Fortschritte in Wissenschaft und Kultur erzielten. Im 15. Jahrhundert wurden sie aus Spanien vertrieben. Sie lebten daraufhin vor allem im Osmanischen Reich, aber auch in Italien, Frankreich oder Nordafrika.

Im frühen Mittelalter siedelten sich viele Juden in Mittel- und Nordeuropa an, zum Beispiel in den Gebieten des Heiligen Römischen Reichs. Sie nannten ihr Siedlungsgebiet Aschkenas und sich selbst Aschkenasim. Viele zogen jedoch aufgrund von Judenfeindschaft oder Verfolgungen weiter Richtung Ostmittel- und Osteuropa. Darüber hinaus unterteilt sich das Judentum in viele weitere Strömungen. Welche Ausrichtungen gibt es und wie gestaltet sich das Zusammenleben?
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Das liberale Judentum, auch Reformjudentum, hat sich Ende des 18. Jahrhunderts herausgebildet und geht unter anderen auf Moses Mendelssohn und Abraham Geiger zurück (mehr dazu hier). Es zeichnet sich durch die Auseinandersetzung mit der eigenen Religion aus. Die Heilige Schrift bietet die historische Grundlage des reformierten jüdischen Glaubens.

Doch es verweist auch auf die Pflicht, historische Vorstellungen aufzugeben und die vom Menschen niedergeschriebenen Schriften und Gebote anzupassen. Jüdische Tradition soll mit moderner Kultur in Einklang gebracht werden. Im liberalen Sinn bedeutet jüdisch zu sein, sich in der persönlichen Lebenswelt für die Schöpfung, die Gerechtigkeit zwischen den Menschen und den Erhalt von Frieden einzusetzen.
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Im Zuge der europäischen Aufklärung im 18. Jahrhundert entstand das orthodoxe Judentum (mehr dazu hier), das in das moderne und das streng orthodoxe Judentum unterteilt wird. Orthodoxe Jüdinnen und Juden halten strikt an ihren Traditionen fest: Sie orientieren sich in ihrem Leben stark an der Heiligen Schrift und den jüdischen Geboten. Die Tora spielt eine zentrale Rolle im Leben und ist unveränderbar und für alle Zeiten verbindlich. Das orthodoxe Judentum und das Reformjudentum bilden bis heute die zwei Hauptströmungen.

Orthodox: Der Begriff stammt aus dem Griechischen und bedeutet „rechtgläubig“.
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In Europa, aber insbesondere in Deutschland, lebten und leben viele Menschen unterschiedlichen Glaubens auf engem Raum zusammen. Historisch sind das Christentum und der Islam jüngere Religionen als das Judentum, haben aber viel gemeinsam. Es gibt jeweils einen Gott, eine heilige Schrift und Gotteshäuser, in denen die Gemeinschaften zum Beten zusammenkommen. Doch es gibt auch viele Unterschiede und Konfliktpotenziale. Ein großer Streitpunkt ist etwa das „Heilige Land“, das auch heute noch umkämpft ist, weil dort jede der Religionen eigene heilige Orte verortet.

Dennoch zeigt die Geschichte, dass ein friedliches Miteinander möglich ist. Im spanischen Mittelalter schufen zum Beispiel jüdische Schriftgelehrte und forschungsfreudige Muslime eine wissenschaftliche und kulturelle Blütezeit, von der Europa bis heute profitiert.
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Doch was bedeutet es für junge Menschen, „jüdisch“ zu sein, welchen Einfluss hat dies auf den eigenen Alltag? Zum jüdischen Volk zu gehören und sich als Teil der jüdischen Geschichte zu sehen, das verstehen heute viele Jugendliche in Israel ebenso wie in der Diaspora unter „Jüdischsein“. Die Religion, insbesondere die vielen Gebote und Gesetze, verliert dagegen immer mehr an Bedeutung. Religion spielt vielmals kaum eine andere Rolle als etwa für christliche Jugendliche.

Die jüdische Schriftstellerin und Schauspielerin Lana Lux beantwortet Fragen zu ihrer Religion und solche, welche Rolle das Judentum für sie in ihrem Leben spielt.

Denkanstoß: Ist Religion eine Pflicht? Für die Jüdin Lana Lux nicht:Ich bin nicht religiös im Sinne, dass ich jedes Gesetz erfüllen würde. […] Man muss sich an sein Herz und seine Moral halten.“ Stimmst du ihr zu?
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"Q&A Frag eine Jüdin!", hochgeladen am 2. August 2017 vom "Auf Klo"

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Ausstellungsraum 2

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Über den Raum

Heutige Formen von Antisemitismus greifen auf bestehende Vorstellungen, Motive und Stereotype zurück, die in der Geschichte wurzeln und über Jahrhunderte hinweg immer wieder neu aufgegriffen und verbreitet wurden. In der Antike und im Mittelalter wurde der Judenhass noch religiös und später wirtschaftlich begründet. Im 19. Jahrhundert entstand eine neue Form des Antisemitismus, der rassistisch begründet wurde. Er erreichte seinen erschütternden Höhepunkt im Völkermord an über sechs Millionen jüdischen Menschen durch das nationalsozialistische Deutsche Reich während des Zweiten Weltkriegs. Die als Holocaust oder Shoah bezeichnete Ermordung der europäischen Juden stellt bis heute einen wichtigen Bezugspunkt für Jüdinnen und Juden in der ganzen Welt dar und prägte die Entstehung und das Selbstverständnis Israels sowie das der Bundesrepublik Deutschland.

Aus der Existenz von Antisemitismus in der deutschen Gesellschaft in verschiedenen Erscheinungsformen leitet sich die Verantwortung ab, die Bedeutung des Erinnerns an den Holocaust und die strukturelle Diskriminierung von Jüdinnen und Juden für unser Zusammenleben zu betonen. Sie mahnt vor den Folgen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit, vor der Gefahr, die von Stereotypen und Diskriminierung religiöser oder ethnischer Gruppen ausgeht, und zeugt von der Bedeutung des Schutzes von Minderheiten.

Holocaust: Der Begriff stammt aus dem Altgriechischen und bedeutet „vollständig verbrannt“ und steht für den Völkermord an den europäischen Juden. Der Begriff Shoah stammt aus dem Hebräischen und bedeutet „Unheil“ oder auch „Katastrophe“.
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„Es ist einfach, jemanden zu hassen, aber schwierig, diesen Hass öffentlich zu rechtfertigen. Wenn Menschen im Laufe der Geschichte ihren Antisemitismus rechtfertigen wollten, taten sie das, indem sie Rückhalt bei der obersten Autoritätsquelle ihrer Kultur suchten. Im Mittelalter war das die Religion. Es gab also religiösen Antijudaismus. Im Zeitalter nach der Aufklärung war es in Europa die Wissenschaft. Die tragenden Säulen waren die Naziideologie, Sozialdarwinismus und die wissenschaftliche Untersuchung von Rassen. Heute sind Menschenrechte die oberste Autoritätsquelle der Welt. Daher wird Israel ‒ die einzige uneingeschränkt funktionierende Demokratie mit einer freien Presse und unabhängigen Justiz im Nahen Osten ‒ regelmäßig einer der fünf Todsünden des Menschenrechts bezichtigt: Rassismus, Apartheid, Verbrechen gegen die Menschlichkeit, ethnische Säuberung und versuchter Völkermord.“
(Deutsche Übersetzung bereitgestellt von Audiatur Online)
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Deutsch-jüdische Geschichte

Im 18. Jahrhundert setzte in Europa die Aufklärung ein. Philosophen und Gelehrte sprachen allen Menschen die gleichen Rechte zu. Die Emanzipation, die Befreiung aus der Unfreiheit, war jedoch keine plötzliche Veränderung, sondern ein lang andauernder Prozess. Auch im Judentum verbreitete sich im 18. Jahrhundert diese neue Bewegung, die „Haskala“ (jüdische Aufklärung). Einer ihrer bedeutendsten Vertreter war Moses Mendelssohn (1729‒1786). Es kam im 19. Jahrhundert zu einer kulturellen Blütezeit des jüdischen Lebens und auch in den Naturwissenschaften erlangten jüdische Wissenschaftler bedeutende Fortschritte.

Doch kennzeichnete die Vertreter der europäischen Aufklärung ein gespaltenes Verhältnis zum Judentum. So fordern die Ideale der Aufklärung zwar Toleranz und Gleichberechtigung, doch gleichzeitig wurde das Judentum als eine rückständige Religion angesehen. Zudem führten die Bemühungen nach rechtlicher Gleichstellung und gesellschaftlicher Akzeptanz letztlich auch zu Diskussionen um die jüdische Identität und zu einer Spaltung der jüdischen Gemeinde. Welche Streitpunkte standen im Mittelpunkt der jüdischen Aufklärung? Welche jüdischen Einflüsse gab es im 19. Jahrhundert?
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Jüdische Aufklärung

Die Ideen der europäischen Aufklärung beeinflussten das Judentum und führten zu einem Wandel der Selbstwahrnehmung vieler Jüdinnen und Juden. Vertreter der jüdischen Aufklärung wie der jüdische Philosoph Moses Mendelssohn forderten eine kulturelle Anpassung an die christliche Umwelt und eine Modernisierung der jüdischen Religion und Gesetze: Jüdinnen und Juden sollten sich aus ihrer traditionellen Welt hinausbewegen ohne jedoch ihre eigene Religion gänzlich aufzugeben.

Toraübersetzung

Im Jahr 1783 veröffentliche Mendelssohn eine deutsche Übersetzung der Tora. Sie bot vielen jiddischsprachigen Jüdinnen und Juden die Möglichkeit, Deutsch zu lernen. Er beabsichtigte damit, das Judentum für die Bildung und Kultur zu öffnen und dessen gesellschaftliche Integration zu fördern.

Israel Jacobson

Der Bankier und Rabbiner Israel Jacobson (1768‒1828) setzte sich für die Interessen jüdischer und christlicher Benachteiligter ein. Er errichtete zum Beispiel eine Schule, die später auch von christlichen Schülern besucht wurde.

Reformgottesdienst

1810 eröffnete Jacobson den Jacobstempel mit dem ersten jüdischen Reformgottesdienst, der auf Deutsch gehalten und von Chorgesang und Orgel begleitet wurde. Die Angleichung von Judentum und Christentum mit dem Ziel eines gemeinschaftlichen Fortschrittes zum Besseren hatte er sich, von Mendelssohn beeinflusst, auf die Fahnen geschrieben. Die Idee des Reformgottestdienst breitete sich bis nach Nordamerika aus.

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Besonders unter jungen Jüdinnen und Juden war die Bereitschaft groß, da sie sich oft als Bürger jüdischen Glaubens und Teil der Nation ansahen und nicht mehr als ein Teil einer geschlossenen Gruppe. Vereinzelnd konvertierten sie freiwillig zum Christentum wie zum Beispiel der Schriftsteller Heinrich Heine (1797‒1856). Doch nicht alle Jüdinnen und Juden teilten die Ziele der jüdischen Aufklärer. Viele sahen die Veränderungen und das Loslösen von jüdischen Traditionen kritisch. Im 19. Jahrhundert bildete sich eine orthodoxe Bewegung, die sich vom Reformjudentum abgrenzte. Einer ihrer führenden Vertreter war der Rabbiner Samson Raphael Hirsch (1808‒1888). Während das Reformjudentum sich durch eine Öffnung für die christliche Umwelt und Kultur eine Verbesserung des jüdischen Status in der Gesellschaft versprach, suchten orthodoxe Juden in ihrer Religion nach Antworten. Sie orientierten sich an der schriftlichen und mündlichen Überlieferung des Judentums und lebten streng nach der Halacha. Die religiösen Schriften und Lehren sollten im Zentrum des Lebens und der Ausbildung stehen – und nicht die fremde, christliche Kultur und deren Wissenschaften.
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1812 - Preußisches Judenedikt

Im Zuge weitreichender Reformen verlieh der preußische Staat den jüdischen Bewohnern im Jahr 1812 den Bürgerstatus. Obwohl dies mit einer Gleichstellung an Rechten und Pflichten verbunden war, beinhaltete dies nicht das Recht zum Staatsdienst in Verwaltung, Justiz oder dem Offizierskorps. Dennoch brachten Juden ein Jahr später ihr staatsbürgerliches Verständnis zum Ausdruck, indem sie sich in den Befreiungskriegen gegen Frankreich als Freiwillige meldeten.

Auszug der ostpreußischen Landwehr ins Feld 1813

Der Maler Gustav Graef inszenierte dies in der Mitte des 19. Jahrhunderts rückblickend in seiner Darstellung Auszug der ostpreußischen Landwehr ins Feld 1813, indem er einen sich von seinen Eltern verabschiedenden jüdischen Freiwilligen im rechten unteren Vordergrund prominent in Szene setzte.

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Am Ende des 19. Jahrhunderts erhielten Jüdinnen und Juden in Europa dieselben Rechte wie die christlichen Bürger, im Deutschen Kaiserreich wurden sie 1871 rechtlich gleichgestellt. Sie waren Unternehmer, Schriftsteller, Künstler oder auch Wissenschaftler und prägten die deutsche Geschichte und Kultur. Viele traten zum Christentum über und sahen sich selbst vielmehr als „deutsche Bürger jüdischen Glaubens“ an. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts und Anfang des 20. Jahrhunderts kam es zu zahlreichen Errungenschaften und Entdeckungen in den Naturwissenschaften. In fast allen Wissenschaften standen jüdische Gelehrte in den vordersten Reihen.

Doch trotz der rechtlichen Gleichstellung und Errungenschaften stießen Jüdinnen und Juden auf Vorurteile und blieben noch lange stark benachteiligt – etwa an den Universitäten oder im Staatsdienst.
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Albert Einstein

Der Nobelpreisträger Albert Einstein (1979‒1955) gilt als einer der bedeutendsten Physiker. Bereits 1905 veröffentlichte er seine ersten Arbeiten zur Relativitätstheorie. Und auch zur Quantenphysik leistete er wesentliche Beiträge. 1934 wurde er aus dem Deutschen Reich ausgebürgert, seine Schriften wurden im nationalsozialistischen Deutschen Reich verbrannt.

Hannah Arendt

Die Philosophin und politische Theoretikerin Hannah Arendt (1906‒1975) gilt noch heute als eine der größten politischen Denkerinnen. In ihren Werken analysierte sie diktatorische und totalitäre Regime. 1961 kommentierte sie den Prozess gegen Adolf Eichmann, der die Deportation der europäischen Jüdinnen und Juden organisiert hatte, und prägte den Begriff der „Banalität des Bösen“.

Moritz Daniel Oppenheim

Moritz Daniel Oppenheim (1800‒1882) gilt als „erster jüdischer Maler“, der eine akademische Ausbildung genoss und weltweit bekannt war. Er malte vor allem Porträts jüdischer Persönlichkeiten und Historienbilder. Viele seiner Bilder widmeten sich dem jüdischen Leben und der Frömmigkeit, aber auch der Identitätsbildung und dem Patriotismus. Besondere Berühmtheit erlangte er durch seine Bilder zu jüdischen Fest- und Feiertagen.

Else Lasker-Schüler

Else Lasker-Schüler (1869‒1945) war eine deutsch-jüdische Schriftstellerin und zählt zu den bedeutendsten expressionistischen Lyrikerinnen. Sie wurde nicht nur als Dichterin, sondern auch als Zeichnerin bekannt.

Theodor Herzl

Theodor Herzl (1860‒1904) studierte in Wien und arbeitete anschließend als Korrespondent bei einer Wiener Zeitung. Er war Schriftsteller, Publizist und Journalist. Im Jahr 1896 veröffentlichte er das Buch „Der Judenstaat“, indem er seine Meinung zur Notwendigkeit der Gründung eines jüdischen Staates beschreibt. Er starb 44 Jahre bevor Israel schließlich gegründet wurde.

Rahel Hirsch

Rahel Hirsch (1870‒1953) war eine deutsch-jüdische Ärztin. Sie arbeitete zunächst nach Abschluss ihres Pädagogikstudiums in Wiesbaden als Lehrerin. 1903/04 promovierte sie im Fach Medizin und arbeitete an der Berliner Charité. Im Jahr 1913 wurde sie als erste Frau in Deutschland zur Professorin der Medizin ernannt.

Paul Ehrlich

Der Mediziner Paul Ehrlich (1854‒1915) gilt als Begründer der Chemotherapie. Er entwickelte unter anderem eine Behandlung gegen Syphilis. Seinen Arbeiten zur Immunität bereiteten große Fortschritte bei der Entwicklung von Impfstoffen dar.

Sigmund Freud

Sigmund Freud (1856‒1939) ist der Begründer der Psychoanalyse. Seine entwickelte Traumdeutung dient der Erforschung des Unbewussten. Er unterteilte die menschliche Psyche in das „Es“ (Bedürfnisse und Triebe), das „Ich“ (kritischer Verstand) und das „Über-Ich“ (Gebote und Verbote). Noch heute werden seine Methoden angewandt und kritisch diskutiert.

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Antijudaismus

Unter Antijudaismus versteht man die christliche Judenfeindschaft in der Antike und im Mittelalter. Sein Ursprung liegt in der Entstehungsgeschichte des Christentums, in der die Abgrenzung vom Judentum eine grundlegende Bedeutung spielte. Nachdem das Christentum 312 n. Chr. zur römischen Staatsreligion erhoben wurde, begann die Unterdrückung des Judentums. Die jüdische Diaspora wurde als göttliche Strafe gedeutet. Die Lehre der Kirche von den Juden als „Gottesmördern“ beförderte einerseits die Diskriminierung der jüdischen Minderheit. Andererseits diente sie als Rechtfertigung für Judenverfolgungen, bei denen sich religiöser Eifer mit politischen und wirtschaftlichen Motiven verband. Zum Schutz vor solchen Verfolgungen begaben sich die einzelnen jüdischen Gemeinden in einseitige Abhängigkeitsverhältnisse mit Autoritäten wie dem Kaiser, Landesfürsten, Bischöfen oder Städten. In diesen mussten sich jüdische Gemeinden grundlegende Rechte wie den Schutz von Leben und Eigentum sowie die Freiheit zur Religions- und Berufsausübung teuer erkaufen.

Diaspora: Das altgriechische Wort „diasporá“ bedeutet „Zerstreuung“. Der Begriff bezeichnet hier das Leben der jüdischen Minderheit unter vielen Andersgläubigen und verweist auf die Vertreibung nach der Zerstörung des Tempels in Jerusalem. Jüdinnen und Juden lebten „in der Welt zerstreut“. Heute trifft der Begriff für viele der in Deutschland geborenen und aufgewachsenen Jüdinnen und Juden nicht mehr zu und Deutschland ist ihre Heimat.

Gottesmord: Der Vorwurf reicht zurück bis ins Jahr 160 und geht zurück auf die Schriften des Bischofs Melito von Sardes. Jüdinnen und Juden wird eine angebliche unaufhebbare Schuld an der Kreuzigung Jesus, der als Sohn Gottes gesehen wird, zugeschrieben. Dieser Verschwörungsmythos ist im christlichen Antijudaismus zentral und wird über Jahrhunderte hinweg immer wieder aufgegriffen und verbreitet.
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Nachdem sich Jüdinnen und Juden in der römischen Provinz Judäa gegen die römische Herrschaft wehrten, zerstörten die Römer im Jahr 70 n. Chr. den Tempel Jerusalems und somit deren religiöses Zentrum. Die jüdische Bevölkerung wurde aus Jerusalem vertrieben und deren Lebensbedingungen immer weiter erschwert.

Zu Ehren des römischen Kaisers Titus und dessen Eroberung Jerusalems 70 n. Chr. wurde ein Triumphbogen errichtet. Eine Bildtafel zeigt den Triumphzug. Zu sehen sind jüdische Sklaven und römische Soldaten, die Kriegsbeute aus dem Tempel Jerusalems tragen.
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SchUM-Städte

Auf dem Boden des heutigen Deutschlands siedelten bereits während des Römischen Reichs Jüdinnen und Juden. Hinweise finden sich schon ab dem 4. Jahrhundert. Erste  Gemeinden bildeten sich im 10. Jahrhundert etwa in Speyer, Worms und Mainz (SchUM-Städte) und unterlagen dem Schutz durch Kaiser und Bischöfe.

SchUM: Die jüdischen Gemeinden, die in Speyer, Worms und Mainz entstanden, bildeten einen Verbund. Die Bezeichnung geht auf die hebräischen Städtenamen zurück: Schpira (Speyer), Warmaisa (Worms) und Magenza (Mainz).

Christlich-jüdisches Zusammenleben

Juden lebten mit Christen zusammen und besaßen in vielen Städten zum Teil Bürgerrechte. Sie gründeten Schulen oder erbauten Synagogen und leisteten im Mittelalter auch durch ihre Handelsbeziehungen einen bedeutenden Beitrag zur Entwicklung der Städte.

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1. Kreuzzug

Mit der Ausdehnung des Christentums im Mittelalter verbreiteten sich auch judenfeindliche Vorurteile und Stereotype. Als im Jahr 1096 Papst Urban II. zum Kreuzzug aufrief, um das Heilige Land von Feinden des Christentums zu befreien, kam es zu Pogromen an Jüdinnen und Juden. Die Massen wurden angetrieben von weitverbreiteten Vorurteilen und Verschwörungserzählungen. Sie galten als Gottes- bzw. Christusmörder, Hostienschänder oder Brunnenvergifter. Allein in Mainz und Worms fielen etwa 2.000 Menschen den Pogromen zum Opfer. Die Ereignisse stellen einen Einschnitt für das jüdische Leben dar.

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Zeitgenössische Darstellung des Judenhuts

Die jüdische Bevölkerung im Mittelalter wird oftmals mit bestimmten Kennzeichnungen abgebildet wie zum Beispiel dem trichterförmigen „Judenhut“. Diese Kopfbedeckung fand vor allem Einzug in zeitgenössische Darstellungen und kennzeichnete jüdische Männer. Diese Darstellungen prägen bis heute das Bild von Juden im Mittelalter. Eine Pflicht zum Tragen solch eines Hutes gab es nicht. Eine offizielle, allgemeine Kennzeichnungspflicht wie der „Gelbe Fleck“ wurde hingegen erst ab Mitte des 15. Jahrhunderts durchgesetzt, in Frankfurt zum Beispiel 1462.

Wandmalerei

Die hier abgebildete Wandmalerei aus der Katharinenkapelle in Landau (Pfalz) aus dem 14. Jahrhundert bildet die Kreuzigung Jesus durch einen als Juden gekennzeichneten Mann ab und transportiert den antijüdischen kirchlichen Vorwurf des „Gottesmordes“.

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Wohnen im Mittelalter

In den Städten im Heiligen Römischen Reich siedelten sich bestimmte Personengruppen oder auch Berufsgruppen in jeweiligen Wohnvierteln an. Auch jüdische Gemeinden ließen sich in einzelnen Straßen oder ganzen Stadtvierteln nieder. Jüdinnen und Juden lebten jedoch nicht gänzlich abgeschottet von ihrer christlichen Umwelt außerhalb der Stadtmauern in abgeschlossenen Wohnvierteln. Mittelalterliche Judengassen oder -viertel waren nicht gänzlich abgegrenzt und über mehrere Jahrhunderte lebten Juden und Christen zusammen.

Frankfurter Judengasse

Die zum Teil abgeschlossenen Wohnbezirke entstanden erst Ende des 15. Jahrhunderts. Eines der bekanntesten Beispiele ist die 1462 errichtete Frankfurter Judengasse. Die gesonderte Unterbringung versprach den jüdischen Frankfurtern zwar ein dauerhaftes Aufenthaltsrecht, war aber mit einer Vielzahl weiterer Beschränkungen verbunden.  

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Mitte des 14. Jahrhunderts breitete sich in Europa die Pest aus. Etwa 25 Millionen Menschen, fast ein Drittel der europäischen Bevölkerung, fielen zwischen 1347 und 1953 der Seuche zum Opfer.

Mit Ausbruch der Pest kam es in Europa zu unzähligen Ausschreitungen gegen die jüdische Bevölkerung. Ihnen wurde unter anderem vorgeworfen, die Brunnen und das Trinkwasser vergiftet zu haben, sie wurden zum Sündenbock erklärt und seien verantwortlich für die nicht aufzuhaltende Pest.

Zahlreiche jüdische Gemeinden wie Worms, Köln, Mainz, Trier und Koblenz wurden zerstört. An vielen Orten kam es zu Auschreitungen noch bevor die Pest sich bis dahin ausbreitete. und beendete das friedliche Zusammenleben schlagartig.

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Wucherjuden?

Seit dem Mittelalter ist das Stereotyp des „reichen Juden“ oder auch „Wucherjuden“ bis heute verbreitet. Dies geht darauf zurück, dass angeblich durch das Verbot des Zinshandels für Christen vor allem Juden als Geldleiher arbeiteten. Die christliche Kirche verurteilte zwar den Geldhandel und die Verschuldung von Christen, doch konnte sie nie ein rechtliches allgemeines Zinsverbot für Christen aussprechen.

Holzschnitt 1531

Durch berufliche Einschränkungen im Mittelalter, beispielsweise das Verbot, Mitglied einer Handwerkszunft zu sein, gab es im Vergleich zu christlichen viele jüdische Geldverleiher. Doch die Mehrheit der jüdischen Bevölkerung arbeitete überwiegend im Handel. Darstellungen wie dieser Holzschnitt verbreiteten das Vorurteil des „reichen Juden“.

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Alles koscher?

 „Ihr sollt unterscheiden, was heilig und unheilig, was unrein und rein ist.“ (Lev 10, 10)

In vielen Religionen gibt es Speiseregeln. Sie geben vor, welche Lebensmittel gegessen oder auch wie diese zubereitet werden dürfen. Die jüdischen Speiseregeln heißen „Kaschrut“ („rituelle Einigung“). Lebensmittel werden in koschere („rein“, „geeignet“) und nicht koschere bzw. „treife“ unterteilt. Darüber hinaus gibt es aber auch „neutrale“ Lebensmittel. Darunter fallen pflanzliche Lebensmittel wie Obst, Gemüse und Getreide. Die Speiseregeln beziehen sich jedoch nicht nur auf Lebensmittel – auch die Herstellung von Textilien oder der Umgang und die Schlachtung von Tieren werden beispielsweise beschrieben. Was beinhalten die jüdischen Speisevorschriften und welchen Hintergrund haben sie? Was darf gegessen werden und worauf sollte verzichtet werden? Gibt es Gemeinsamkeiten zu anderen Weltreligionen?
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Fleischverzehr

Viele religiöse Speiseregeln beziehen sich auf den Fleischverzehr. So ist es im Christentum geboten, freitags Fisch zu essen. Im Islam gilt Schweinefleisch als unrein und Hinduisten verzichten auf Rindfleisch. Im Judentum dürfen ebenfalls nicht alle Tiere verzehrt werden. Wiederkäuer mit gespaltenen Hufen wie Kühe, Meerestiere mit Schuppen und Flossen oder auch Vögel außer Greifvögeln gelten als koscher und sind erlaubt. Damit scheiden Wild, Krustentiere, fleischfressende Tiere und viele andere aus.

Milch und Fleisch

Besonders in Bezug auf sogenannte milchige und fleischige Lebensmittel gibt es einige Regeln. Milch und Fleisch dürfen etwa weder zusammen gekocht, aufbewahrt noch gegessen werden. So haben etwa viele Kühlschränke zwei Bereiche für milchige und fleischige Lebensmittel oder es wird unterschiedliches Geschirr genutzt.

Weinlese

Nicht nur Lebensmittel selbst unterliegen Speiseregeln – auch die Zubereitung bestimmter Produkte wird in den Kaschrut geregelt. So muss etwa Wein, der koscher sein soll, von Juden angebaut und gekeltert sein. Damit die Weinlese als koscher gilt, wird ein Zehntel des Weines geopfert und auf die Erde gegossen.

Unnötiges Leid vermeiden

Die Vorschrift „Za’ar Ba’alei Chaim“ verbietet es, lebenden Tieren unnötiges Leid zuzufügen. Die Tora verbietet jedoch nicht den Verzehr von Fleisch. Unter Befolgung genauer Anweisungen, insbesondere in Bezug auf die Schlachtung, ist der bedachte Verzehr gestattet. Da das Blut der Schlachttiere nicht verzehrt werden darf, müssen Tiere auf eine bestimmte Art und Weise geschlachtet werden. Das sogenannte Schächten soll dazu dienen, dass das Fleisch kein Tierblut mehr enthält.

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Aber woran erkennt man, welche Lebensmittel wirklich koscher sind? Insbesondere außerhalb Israels ist es oft schwierig, koschere Lebensmittel zu kaufen. Traditionell überwacht ein Aufseher, ein sogenannter Maschgiach, die Einhaltung der Speiseregeln. Im Supermarkt können Jüdinnen und Juden aber auch durch Siegel, die „Hechscharim“, koschere Produkte erkennen. Diese Siegel werden von Rabbinern vergeben.
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Antisemitismus im 19. Jahrhundert

Im 19. Jahrhundert kam es infolge der Industrialisierung zu umfangreichen gesellschaftlichen Veränderungen. Immer mehr Menschen zogen in die Städte, der Konsum stieg und eine neue bürgerliche Schicht entstand. Zudem veränderten technische Neuerungen und Erkenntnisse der Wissenschaft die Menschen. Damit einher ging auch ein neuer Blick auf die Religion. In vielen europäischen Ländern setzten sich die Ideen der Aufklärung und der Gedanke durch, Jüdinnen und Juden nicht mehr länger aus der Gesellschaft auszugrenzen. Sie wurden gegen Ende des 19. Jahrhunderts in den meisten Staaten Europas rechtlich gleichgestellt.

Doch die Frage nach der rechtlichen Gleichstellung und die damit verbundenen Auseinandersetzungen änderten nichts an den Vorbehalten und der Diskriminierung gegenüber jüdischen Mitmenschen. Es entstand eine neue Form der Judenfeindschaft, die die vermeintlich wissenschaftlichen Theorien der sogenannten Rassenforschung nutzte. Der gesamten jüdischen Bevölkerung wurden negative Eigenschaften und eine angebliche Übermacht zugeschrieben.
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Antijüdische Verbände

Viele Gegner der jüdischen Emanzipation organisierten sich in antisemitischen Vereinen, Verbänden und schließlich auch in Parteien. Allein zwischen 1815 und 1848 publizierten sie über 2.000 antisemitische Schriften zur sogenannten Judenfrage.

Hep-Hep-Auschreitungen

Der neu aufkeimende Antisemitismus gegen Jüdinnen und Juden mündete im 19. Jahrhundert in gewaltsamen Ausschreitungen. 1819 kam es zu den sogenannten Hep-Hep-Unruhen gegen die jüdischen Gemeinden zahlreicher Städte. Die Angriffe gingen überwiegend von Handwerkern, Händlern und auch Studenten aus. Juden wurden beschimpft, bedroht und misshandelt. Zum Teil wurden hierbei ganze Geschäfte und Synagogen zerstört. Die Ausschreitungen konnten nur durch den Einsatz der Staatsgewalt beendet werden.

Zeichnung

Zeichnung zu den Hep-Hep-Ausschreitungen in Frankfurt am Main von Johann Michael Voltz von 1819

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Mit der Gründung des Deutschen Kaiserreichs 1871 wurden alle jüdischen Bürger ‒ zu diesem Zeitpunkt über eine halbe Million ‒ ihren christlichen Mitbürgern gleichgestellt. Als die rechtliche Gleichberechtigung Realität wurde, betonten Antisemiten deren vermeintliche biologische Andersartigkeit, um ihren Ausschluss zu fordern. Die pseudowissenschaftlichen Theorien der Rassenforschung, auf die sich Antisemiten bezogen, missbrauchen hierfür zum Beispiel zeitgenössische Erkenntnisse der Biologie wie den Darwinismus.

Denkanstoß: Worin unterscheidet sich der Antisemitismus des 19. Jahrhunderts vom Antijuadismus der Antike und dem Mittelalter?
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"Antisemitismus - musste wissen Geschichte", hochgeladen am 26. April 2018 von "Wissen 2Go Geschichte"

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Antisemitische Postkarten aus dem Kaiserreich

Im Deutschen Kaiserreich waren antisemitische Vorurteile weitverbreitet. Antisemitische Karikaturen und Bilder wurden vielfach in Zeitungen und Flugblättern abgedruckt.

Auch auf Postkarten wurden antisemitische Texte und Abbildungen abgedruckt, die Juden abwertend darstellten.

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Die Protokolle der Weisen von Zion, ein vom russischen Geheimdienst gefälschtes Dokument, erschien 1903 und sollte eine angebliche jüdische Weltverschwörung beweisen. Dieser Mythos unterstellt der gesamten jüdischen Bevölkerung, Teil einer Verschwörung zu sein. Sie hätten sich gegen die Menschheit verschworen und würden beabsichtigen, die Weltherrschaft zu erlangen. Obwohl die Schrift bereits kurz nach dem Ersten Weltkrieg als Fälschung entlarvt worden waren, nutzte die nationalsozialistische Propaganda sie, um Juden als feindselige Ausbeuter der Welt zu beschuldigen.

In den 1930er-Jahren kooperierte das nationalsozialistische Deutschland mit arabischen Nationalisten und bildete eine gemeinsame Front gegen Großbritannien und Frankreich. Sie zielten darauf ab, die Entstehung eines jüdischen Staates im damaligen britischen Mandatsgebiet Palästina zu verhindern. So gelang ein großer Teil des deutschen Antisemitismus auch in die arabische Welt. Propagandaschriften wie "Die Protokolle der Weisen von Zion" werden bis heute verbreitet.

Auch in heutigen Verschwörungserzählungen wird dieser Mythos aufgegriffen – nicht zuletzt im Rahmen der Covid-19-Pandemie. Auf unzähligen Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen werden antisemitische Codes genutzt und in historischen Vergleichen der Holocaust relativiert. So greifen beispielsweise im Mai 2020 in Stuttgart Demonstranten die angebliche jüdische Verschwörung auf.
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Aufgrund der Diskriminierungserfahrungen und vom zeitgenössischen Nationalismus beeinflusst entstand im späten 19. Jahrhundert eine jüdische Nationalbewegung – der Zionismus. Sein Ziel war die Errichtung eines jüdischen Nationalstaats in Palästina. Einer der maßgeblichen Vordenker war der österreich-ungarische Publizist Theodor Herzl. In seiner Schrift Der Judenstaat aus dem Jahr 1896 vertrat er die Ansicht, nur die Sammlung der Juden in einem eigenen Staat könne die Judenfeindlichkeit überwinden, die eine Gleichberechtigung von Jüdinnen und Juden in den europäischen Staaten verhindere. In den kommenden Jahrzehnten förderten zionistische Gruppen die Auswanderung von Jüdinnen und Juden nach und die Entstehung jüdischer Siedlungen in Palästina, der biblischen Heimat. Auf dem Foto ist eine Gruppe von polnischen Jüdinnen und Juden zu sehen, die 1922 nach Palästina auswanderten.

Zionismus: Der Name der jüdischen Nationalbewegung leitet sich vom Namen des Tempelbergs „Zion“ in Jerusalem ab.
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Nationalsozialismus

Der Kriegsverlauf und die Niederlage des Ersten Weltkrieges verstärkten antisemitische Einstellungen in der Gesellschaft. Juden wurden zum Beispiel für die Niederlage verantwortlich gemacht. Noch während des Krieges wurde 1916 der Anteil der jüdischen Soldaten im Heer erfasst, da ihnen vorgeworfen wurde, sich vor einem Kriegseinsatz zu drücken. Die Ergebnisse wurden jedoch nicht veröffentlicht, was die Vorurteile nur weiter bestärkte.

Im Parteiprogramm der 1920 in München gegründeten Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) spielten antisemitische Positionen von Beginn an eine prägende Rolle. Die Partei setzte sich für den Ausschluss von Juden aus der deutschen Bevölkerung und die Errichtung einer „Volksgemeinschaft“ ein. Adolf Hitler, ab 1921 Parteivorsitzender der NSDAP, knüpfte in seiner erstmals 1925 erschienenen Schrift "Mein Kampf" an bestehende antisemitische Verschwörungserzählungen an. Die jüdische Bevölkerung wurde einerseits als „minderwertig“ bezeichnet und zeitgleich als unmittelbare Bedrohung. Sie sei für die Übel des Kapitalismus sowie die des Kommunismus und die bolschewistischen Gewaltexzesse verantwortlich.

Die antisemitische Propaganda und Politik im Nationalsozialismus führten zu umfassender Diskriminierung und Ausschließung der Jüdinnen und Juden. Im Lauf des Zweiten Weltkriegs fielen über sechs Millionen Menschen der planmäßigen Verfolgung durch den deutschen Staat zum Opfer. Mit diesem Völkermord, häufig als Shoah oder Holocaust bezeichnet, erreichte der Antisemitismus seinen erschütternden historischen Höhepunkt.
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Dolchstoßlegende

Nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg verbreitete sich hartnäckig der Mythos der „Dolchstoßlegende“. Demnach sei das deutsche Heer nicht im Kampf gefallen, sondern von der eigenen neuen Regierung nach der Novemberrevolution 1918 verraten worden. Jüdische Bürger wurden zur Zielscheibe von Anschuldigungen. Sie hätten sich vor dem Kriegseinsatz gedrückt, vom Krieg profitiert und seien für die Novemberrevolution und Niederlage verantwortlich.

Reichsbund jüdischer Frontsoldaten

In Reaktion darauf gründeten jüdische Kriegsveteranen den Reichsbund jüdischer Frontsoldaten. Er widmete sich dem Andenken der jüdischen Gefallenen und der öffentlichen Anerkennung der von jüdischen Soldaten für Deutschland erbrachten Opfer.

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Machtübernahme NSDAP

Nach der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler im Januar 1933 wurde der moderne Antisemitismus deutsche Staatsdoktrin. Bereits wenige Monate später wurde die mit der Reichsgründung 1871 hergestellte rechtliche Gleichstellung der Juden aufgehoben. Jüdische Beamte und solche mit jüdischen Vorfahren verloren durch das neu eingeführte Berufsbeamtengesetz ihre Stellung.

Boykott

Ebenfalls im April 1933 führte die Regierung eine Aktion gegen das jüdische Leben in Deutschland durch, indem es für einen Tag den Boykott jüdischer Geschäfte und Dienstleistungen verordnete. Überall in Deutschland kam es infolge der Boykotte auch zu Plünderungen und Gewalt.

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Nürnberger Gesetze

Die Nürnberger Gesetze im Jahr 1935 stellten die Grundlage für weitere Entrechtung und Verfolgungen von Jüdinnen und Juden dar. Sie unterteilten die Bevölkerung in sogenannte Deutschblütige, Mischlinge und Juden, entzogen Jüdinnen und Juden Teile ihrer staatsbürgerlichen Rechte und verboten Eheschließung und Geschlechtsverkehr zwischen Juden und Nichtjuden. Juden waren fortan Bürger zweiter Klasse.

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Reichspogromnacht

Im November 1938 begann eine neue Phase der antisemitischen Politik. Im ganzen Reich steckten Mitglieder von SA und SS sowie andere überzeugte Nationalsozialisten Synagogen in Brand, zerstörten Geschäfte jüdischer Inhaber und töteten etwa 800 Juden. Darüber hinaus wurden rund 30.000 Juden verhaftet und unter brutalen Haftbedingungen in Konzentrationslagern festgehalten. Dieses Vorgehen leitete den Übergang von der Diskriminierung und dem Ausschluss aus der Gesellschaft zur offenen Verfolgung von Jüdinnen und Juden in NS-Deutschland ein.

Synagoge - Mosbach

Am Morgen des 10. Novembers 1938 wurden in Mosbach die Möbel und Einrichtung der dortigen Synagoge auf dem Marktplatz verbrannt.

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Die sich verschärfende nationalsozialistische Diskriminierungs- und Verfolgungspolitik gegenüber Juden veranlassten viele von ihnen, ihre Heimat zu verlassen. Von den rund 500.000 deutschen Juden emigrierten in den Jahren nach der Machtübernahme der NSDAP rund 300.000. Allein 140.000 fanden in den USA Zuflucht.

Einige Familien mussten sich trennen, wieder anderen mangelte es an finanziellen Möglichkeiten zur Flucht. Für die meisten war das Exil der Schritt in eine unsichere und ungewisse Zukunft, für viele ein Trauma. Am zurückgelassenen Besitz und dem Vermögen der Ausreisenden bereicherten sich der deutsche Staat und die deutschen Banken. Auch Nachbarn und andere Interessierte bedienten sich am Besitz der Vertriebenen und später der Deportierten.

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Mit dem deutschen Überfall auf Polen im September 1939 begann der Zweite Weltkrieg. Der Angriffskrieg brachte einen Großteil der jüdischen Bevölkerung Europas unter deutsche Herrschaft. Allein in Polen gerieten rund 3,5 Millionen Jüdinnen und Juden unter nationalsozialistische Herrschaft. Eine der ersten Maßnahmen der deutschen Besatzer war die Einrichtung von Ghettos in polnischen Großstädten. In den abgetrennten und beengten Stadtteilen führten unmenschliche Nahrungsrationierung, fehlende medizinische Versorgung und äußerst beengte Wohnverhältnisse zu Hungertod und Seuchen. Auch die deutschen Juden wurden in diese Ghettos deportiert. Das größte befand sich in Warschau mit rund 360.000 Einwohnern. Viele mussten für deutsche Unternehmen Zwangsarbeit leisten.

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Ab Juli 1942 wurden die Ghettos schrittweise aufgelöst und ihre Bewohner in Vernichtungslager deportiert. Eine jüdische Widerstandsorganisation entstand. Als das Warschauer Ghetto im April 1943 endgültig aufgelöst werden sollte, setzten sich Jüdinnen und Juden mit aller Kraft zur Wehr. Der Widerstand wurde nach harten Kämpfen von den Polizei- und SS-Einheiten niedergeschlagen. Die meisten Bewohner des Ghettos wurden ermordet oder in Vernichtungslager deportiert.
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"Meine Erinnerung an den Aufstand im Warschauer Ghetto Krystyna Budnicka", hochgeladen am 16. Mai.2020 von "Pilecki-Institut Berlin"

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Mit dem Beginn des Vernichtungskriegs gegen die Sowjetunion im Juni 1941 begann eine neue gewaltsame Phase der Verfolgung der jüdischen Bevölkerung. Einsatzgruppen aus Angehörigen der Sicherheitspolizei, der Ordnungspolizei und der SS töteten zahlreiche Jüdinnen und Juden durch Massenerschießungen. Innerhalb eines halben Jahres fielen den Mordaktionen rund 500.000 Menschen zum Opfer. Im gesamten Kriegsverlauf ermordeten Einsatzgruppen bis zu 1,5 Millionen Juden. Zeitgleich wurde Juden das Tragen eines Erkennungszeichens in Form eines „Judensterns“ auferlegt, um ihre Ausgrenzung voranzutreiben und Verfolgungsmaßnahmen zu erleichtern.
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Im Januar 1942 führten führende Vertreter der Reichsregierung in Berlin-Wannsee eine geheime Konferenz durch. Schon zu diesem Zeitpunkt wurde bereits fast eine Million europäische Juden ermordet. Der Völkermord an dem europäischen Judentum wurde auf dieser Konferenz organisiert. Nach ersten Versuchen im Dezember 1941 wurden die Massenerschießungen der Einsatzgruppen durch den Einsatz von Gasen ergänzt, erst in mobilen Gaswagen, dann in stationären Gaskammern, die in Vernichtungslagern errichtet wurden. Diese wurden überwiegend im besetzten Polen errichtet.

Insgesamt wurden in den Vernichtungslagern rund drei Millionen Menschen aus ganz Europa getötet. Das Torhaus des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau, durch das die mit Deportierten gefüllten Züge in das Lager einrollten, wurde zu einem zentralen Symbol des Holocaust.
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Das NS-Regime errichtete in Europa ein komplexes Lagersystem, zwischen 1933 und 1945 wurden Tausende Lager gebaut, in denen Opfer inhaftiert und umgebracht wurden. Neben den Vernichtungslagern wurden Arbeitslager errichtet. Die deportierten Juden wurden zum Arbeitseinsatz in Konzentrationslagern und in der Rüstungsindustrie gezwungen, bis sie vor Überanstrengung und Hunger starben. Die unzureichende Nahrungsversorgung in Verbindung mit schwerer körperlicher Arbeit kostete Hunderttausende das Leben.
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Anna Mettbach

Zeitzeugen-Portal - Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland

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Als die Befreiung der Lager durch alliierte Truppen bevorstand, räumte die SS diese, um keine Beweise zu hinterlassen. Die Häftlinge mussten beschwerliche Märsche und Transporte in das Innere des Deutschen Reiches auf sich nehmen. Für diese „Evakuierungen“ prägten die Zeitzeugen nachträglich den Begriff des Todesmarsches, denn mörderische Lebensbedingungen und Tötungsaktionen durch die Wachmannschaften ließen etwa ein Drittel der ehemaligen KZ-Insassen den Weg nicht überleben.  

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Schoah

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Ausmaß der Vernichtung bekannt. Über sechs Millionen Jüdinnen und Juden fielen der planmäßigen Vernichtung zum Opfer. Mit diesem Völkermord, häufig als Shoah oder Holocaust bezeichnet, erreichte der Antisemitismus seinen erschütternden historischen Höhepunkt. In den Jahren nach der Gründung des Staats Israel im Jahr 1948 bestand seine Bevölkerung zu rund einem Viertel aus Überlebenden der Shoah. Nicht zuletzt stellte die jüdische Flüchtlingsbewegung aus Europa einen wichtigen Faktor für die Gründung Israels dar.

Die Ermordung und Vertreibung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland stellen bis heute einen wichtigen Bezugspunkt der heutigen Erinnerungskultur dar. Wie soll man mit der eigenen Vergangenheit umgehen und die Verbrechen und Geschehnisse ausarbeiten? Welche Verantwortung leitet sich daraus ab? Nicht zuletzt prägte die nationalsozialistische Vergangenheit die Entstehung und das Selbstverständnis der Bundesrepublik Deutschland und Israels. (Foto: Ministerpräsident David Ben-Gurion verliest die israelische Unabhängigkeitserklärung, 1948)

Erinnerungskulturen: Unter Erinnerungskulturen versteht man, inwiefern sich eine Gruppe, bzw. eine Gesellschaft oder ein einzelnes Individuum mit der Geschichte auseinandersetzt und an die Vergangenheit erinnert. Museen oder Gedenkstätten sind zentrale Orte der Erinnerung und für die Gesellschaft.
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In der unmittelbaren Nachkriegszeit wurde die Verantwortung für den Zweiten Weltkrieg und den Völkermord an den europäischen Juden sowohl in der Bundesrepublik als auch in der DDR individualisiert. Das bedeutet, dass die deutsche Bevölkerung unter anderem sich selbst entlastete, indem sie Schuldgefühle auf die führenden Vertreter des NS-Regimes abwälzte.

1945 gab es noch über acht Millionen NSDAP-Mitglieder. Sowohl in den west- als auch ostdeutschen Besatzungszonen fand unmittelbar nach Kriegsende die sogenannte Entnazifizierung statt. Diese Maßnahmen hatten zum Ziel, sämtliche verbliebenen nationalsozialistischen Einflüsse zu beseitigen.

Die 1949 gegründete Deutsche Demokratische Republik (DDR) bezeichnete sich als antifaschistische Gesellschaft. Somit versuchte sie, sich von den Verbrechen des Vorgängerregimes abzugrenzen, und eine Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit wurde deutlich erschwert. Die Bundesrepublik Deutschland verstand hingegen die umfangreiche Unterstützung Israels durch die BRD als Teil einer „Wiedergutmachung“.
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Der Eichmann-Prozess 1961 und der Generationenwechsel in den späten 1970er-Jahren ließen die Shoah zu einem allgegenwärtigen Thema in der israelischen Öffentlichkeit werden. Die Shoah ist ein Kernthema der kollektiven Erinnerung und einer der wichtigsten identitätsstiftenden Faktoren der israelischen Gesellschaft. Nicht zuletzt gilt sie der israelischen Politik als Mahnung, einen möglichen weiteren Völkermord an Jüdinnen und Juden unbedingt verhindern zu wollen.

Eichmann-Prozess: Zwischen dem 11. April und 15. Dezember 1961 stand der ehemalige SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann in Jerusalem vor Gericht. Er wurde für den Mord an Millionen Juden für schuldig gesprochen. Er gilt als Organisator der nationalsozialistischen Judenvernichtung.
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"Eichmann: Ende eines NS-Verbrechens", hochgeladen am 16. Dezember 2011 von "DW Deutsch""

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Im Jahr 1963 begannen in Frankfurt am Main die sogenannten Auschwitzprozesse, deren Hauptinitiator der hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer war. In mehreren Prozessen wurden die Verbrechen des NS-Regimes in Auschwitz behandelt. Auf der Anklagebank saßen unter anderen SS-Angehörige aus den Konzentrations- und Vernichtungslagern. In 183 Verhandlungstagen wurden bis August 1965 über 350 Zeugen vernommen. Die Öffentlichkeit verfolgte die Prozesse und wurde mit den Verbrechen konfrontiert.

Sechs der Angeklagten wurden zu lebenslangen Freiheitsstrafen verurteilt, elf erhielten Haftstrafen zwischen drei und 14 Jahren, drei weitere Angeklagte wurden freigesprochen. Die Prozesse führten bei vielen Menschen zum Umdenken im Umgang mit den Verbrechen. Die Prozesse stießen auch eine Debatte im Bundestag an, die letztlich dazu führte, die Verjährungsfrist von Mord aufzuheben.

Die Aufzeichnungen der Prozesse kannst du dir hier anhören.
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In der Erinnerungskultur des wiedervereinigten Deutschlands nimmt der Völkermord an den europäischen Juden eine zentrale Rolle ein. Die Frage, in welcher Form die Vergangenheit aufgearbeitet und insbesondere erinnert werden soll, führt jedoch immer wieder zu Auseinandersetzungen über den richtigen Umgang mit der Vergangenheit, der Schuld und Verantwortung.
Zum zentralen Gedenkort wurde das 2005 in Berlin eröffnete "Denkmal für die ermordeten Juden Europas". Es besteht aus 2711 unterschiedlich hohen Betonsteinen, die wellenförmig auf einem rund 19.000 Quadratmeter großen Feld stehen. Das Denkmal kann von jeder Seite aus betreten und durchlaufen werden. Ziel ist es, dass sich Menschen einer Auseinandersetzung öffnen und zum Nachdenken angeregt werden. An das Mahnmal ist der "Ort der Information" angeschlossen. Die Ausstellung dokumentiert die Verfolgung und Vernichtung der europäischen Juden.
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"Wie soll man am Berliner Holocaust-Mahnmal gedenken?, hochgeladen am 25. Juni 2019 von "Tagesschau"

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